Das schönste aller Spiele

von Redaktion

Trotz ihrer Schwächen freut sich die deutsche Mannschaft auf Wembley

VON MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

München – Viel hatte nicht mehr gefehlt, dann hätte Joshua Kimmich die Deutschland-Fahne wieder einpacken können, die das Balkongeländer seiner Wohneinheit im EM-Quartier in Herzogenaurach ziert. Bis zur 84. Minute sah es ganz danach aus, als müsste die Nationalmannschaft erneut nach der Gruppenphase vorzeitig die Segel bei einem Turnier streichen.

Doch dann erlöste der eingewechselte Leon Goretzka Fußball-Deutschland mit seinem Treffer zum 2:2-Endstand gegen Ungarn – und sorgte dadurch für den Einzug ins Achtelfinale. Dort kommt es am Dienstag (18.00 Uhr, ARD und Magenta TV) gegen England zum großen Showdown im Londoner Wembley-Stadion.

„Geil! Ein schöneres Spiel als das gegen England gibt es nicht. Ob das im Achtelfinale sein muss, weiß ich nicht. Wir haben auf jeden Fall noch Luft nach oben und werden das gegen England zeigen“, kündigte Kimmich nach dem Einzug in die K.o-Runde an. Das ist auch bitter nötig, wenn das deutsche Team gegen die offensivstarken Engländer mit Einzelspielern wie Harry Kane, Raheem Sterling, Phil Foden oder Jadon Sancho eine Chance haben möchte. Gegen die Ungarn hatte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hinten massive Probleme und vorne keinerlei Durchschlagskraft. Darüber hinaus fehlte die Giftigkeit im Zweikampf, die für die nötige Kompaktheit gesorgt hätte, wie es noch gegen Portugal der Fall war.

Aber wie erklärt sich der Bundestrainer den Leistungsabfall nach der EM-Explosion gegen Portugal? Löw: „Die Ungarn bringen den Gegner schier in Verzweiflung mit ihrer defensiven Organisation und ihrem Zweikampfverhalten. Wir haben keine Räume gefunden und keine Räume geöffnet. Wenn man dann zweimal in Rückstand gerät, wird es immens schwierig.“

Oder anders formuliert: Der Auftritt im zweiten Gruppenspiel gegen die Portugiesen war ein Ausreißer nach oben und die Norm die Vorstellung, die Mängel offenbarte: Mangel an Offensivkraft gegen Frankreich, gegen Ungarn schwach im Spiel gegen den Ball (Kimmich: „Nicht unser Anspruch und der Stimmungsdämpfer“). In jedem der drei Gruppenspiele musste die DFB-Auswahl einem Rückstand hinterherjagen. Das von Löw so gepriesene 3-4-3-System ist nicht nur bei Konterangriffen enorm anfällig, sondern auch im Spiel nach vorne harmlos, wenn die Flügelspieler Joshua Kimmich und Robin Gosens vom Gegner aus dem Spiel genommen werden oder vermehrt Defensivaufgaben zu erledigen haben.

Kein Wunder, dass es nach dem blutleeren Ungarn-Auftritt von Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus deutliche Kritik für den Bundestrainer gab. „Jogi Löw hat sich wieder mal auf Spieler verlassen, die ihn enttäuscht haben. Er muss meiner Meinung nach endlich aufwachen, um im Achtelfinale erfolgreich zu sein“, sagte Matthäus in seiner Funktion als Markenbotschafter eines Wettanbieters.

Löw gestand: „Es gab Fehler, die wir gemacht haben, auch bei den Gegentoren. Das darf uns bei den nächsten Spielen nicht passieren.“ Trotzdem blickt er zuversichtlich in Richtung Wembley: „Jetzt ist diese Vorrunde abgehakt. Jetzt geht es darum, alles oder nichts. Das ist auch eine gute Situation. Wir haben schwankende Leistungen gezeigt in dieser Gruppenphase. Wir wissen, wenn wir das abrufen, was wir können, so wie gegen Portugal, dann sind wir stark.“

Joshua Kimmich, leicht angefressen, meinte: „So wie gegen Ungarn brauchen wir gegen England nicht anzutreten.“ Doch auch er ist überzeugt, „dass es weitere Spiele geben wird, übers Achtelfinale hinaus“.

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