Tokio – Die unterstützenden Worte aus aller Welt, sogar aus dem Weißen Haus und von der ehemaligen First Lady Michelle Obama („Wir sind stolz auf dich“), erreichten Simone Biles im Olympischen Dorf. Der aktuell alternativlose Rückzugsort einer Jahrhundert-Turnerin, deren Gedanken wohl nur um diese eine Frage kreisen, der sie nicht mehr ausweichen kann: Wie soll es weitergehen?
Am Tag nach ihrem Wettkampfabbruch im Teamfinale und anschließendem Bekenntnis zu ihren mentalen Problemen ging es für Biles zunächst mit einem Zeitgewinn weiter. Die 24-Jährige wurde für die Mehrkampf-Entscheidung an diesem Donnerstag abgemeldet und durch Jade Carey ersetzt. Ihre vier möglichen Starts in den Gerätefinals vom 1. bis 3. August hingegen ließ die Rekord-Weltmeisterin vorerst offen. „Ich werde von Tag zu Tag entscheiden. Körperlich fühle ich mich gut, ich bin in Form“, sagte Biles.
Schon vor ihrem – zumindest – vorläufigen Ausstieg aus dem Olympia-Geschehen hatte Biles in Tokio gesagt: „Im Moment habe ich wirklich das Gefühl, dass ich das Gewicht der ganzen Welt auf den Schultern trage.“ Die Erwartungen nach zweijähriger Wettkampfpause waren enorm, wohl fast erdrückend. Doch die Probleme der dreimaligen Weltsportlerin des Jahres haben eine lange Vorgeschichte. Praktisch steht sie seit ihrer Geburt unter psychischem Dauerstress: Die Mutter schon vor ihrer Geburt drogensüchtig, problematisches Aufwachsen in einer Pflegefamilie, dann die Adoption durch den Großvater: Wirkliche familiäre Geborgenheit kannte Simone kaum. Nach ihrem Entschluss, nicht beim Teamfinale zu starten, erklärte Biles: „Die mentale Gesundheit steht an erster Stelle. Daher ist es manchmal in Ordnung, die großen Wettbewerbe sogar auszusitzen, um sich auf sich selbst zu konzentrieren.“ Vor jedem Wettkampf, so merkte Biles an, habe sie einen „Kampf gegen Dämonen“ durchzustehen. dpa/sid