Simone Biles ist ein Weltstar, der mit seiner Turnkunst die Menschen begeistert. Die Amerikanerin hat auch ein komisches Talent, wie in ihrem berühmten Corona-Homeoffice-Video zu sehen ist, als sie sich im Handstand die Jogginghose auszog. Doch berauscht, unbeschwert und heiter fühlt sich ihr Leben derzeit nicht an. Simone Biles ist vorerst aus den Olympischen Spielen von Tokio ausgestiegen. Sie spricht vom „Kampf gegen Dämonen“, davon, dass sie „alle Last der Welt auf den Schultern“ spüre und es um ihre „mentale Gesundheit“ nicht gut stehe.
Wer viel gewinnen und strahlen kann, läuft auch Gefahr, vieles zu verlieren und zu verblassen. Die Erfolgreichsten schaffen sich besondere Fallhöhen, und zu den Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, kommt der eigene Anspruch. Erinnern wir uns an den Schwimmer Michael Phelps und sein Projekt, 2008 in Peking bei acht Wettbewerben acht Goldmedaillen zu holen. Wenn man selbst nach dem fünften Sieg noch fürchten muss, beim sechsten Start vielleicht nur Zweiter zu werden, ist das eine seelische Grausamkeit, der man sich aussetzt. Phelps gewann seine acht Goldenen, insgesamt sogar 23 – doch auch er kämpft(e) mit Depressionen. Wie Ian Thorpe, sein Vorgänger als Schwimm-Superstar. Auch Cathy Freeman, die australische Läuferin, die ihre Tage von Sydney 2000 zwar als wunderbar, aber gleichermaßen traumatisch empfand, wusste, dass nur der Ausstieg aus der Leistungsmühle sie würde erlösen können. Aktuell ist an Tennisstar Naomi Osaka zu erkennen, wie einem jungen Menschen das Leben auf der Bühne der Welt zusetzen kann.
Berühmtheit ist nicht gleich Glück, Erfolg nicht gleich Zufriedenheit – das Verständnis für seelische Notlagen und manchmal ernsthafte Erkrankungen von Sportstars ist durch die prominenten Fälle gestiegen. Was Simone Biles betrifft: Sie erfährt gerade viel Zuspruch, alle loben ihren Mut der klaren Ansprache und die Konsequenz ihrer Entscheidung.
Bleibt nur zu hoffen, dass dies nicht nur geschieht, weil sie den Superstar-Bonus hat und man hofft, dass sie nach einer Pause nächste Woche zu den Einzelfinals doch auf der Matte steht. Um die Medaillen zu liefern, die längst nicht mehr ihre eigenen sind.