Köhler erlöst das Schwimm-Team

von Redaktion

Erste deutsche Becken-Medaille seit 13 Jahren: 27-Jährige nach Bronze baff

Tokio – Sarah Köhler zitterte am ganzen Körper und weinte vor Freude. Mit Bronze um den Hals fiel die riesige sportliche Last der vergangenen Jahre in inniger Umarmung mit dem Bundestrainer von ihr ab. „Wir haben es geschafft!“ Mehr brauchte Köhler nicht zu sagen. Mit ihrem formidablen Auftritt über 1500 Meter Freistil gewann die 27-Jährige am Mittwoch die erste Olympia-Medaille der deutschen Beckenschwimmer seit dem Doppel-Gold von Britta Steffen vor 13 Jahren. „Das ist auf jeden Fall etwas Besonderes – gerade weil es Britta war und wir uns so nahestehen und uns so gut verstehen“, sagte sie.

Ratgeberin und Freundin Steffen fieberte vor dem Fernseher mit. „Ich bin stolz wie eine ältere Schwester auf ihre jüngere“, sagte die 37-Jährige: „Sie hat das fantastisch gemeistert. Ich bin sehr glücklich, dass sie endlich den Bann vom Team genommen hat.“ Auch Bundestrainer Bernd Berkhahn war merklich bewegt. „Das ist schon ein toller Moment“, sagte er: „Begeisternd!“

In klarer deutscher Rekordzeit hatte sich die Verlobte von Florian Wellbrock nur den Amerikanerinnen Katie Ledecky und Erica Sullivan geschlagen geben müssen. „Ich wollte unbedingt diese Medaille und habe versucht, den Schmerz zu ignorieren“, sagte Köhler und sprach vom „Rennen meines Lebens“. Bis jetzt. Bei der Siegerehrung küsste sie ihre Medaille, dann setzte sie wieder ihre Schutzmaske von der deutschen Mannschaft auf. Mit der nun sechsmaligen Olympiasiegerin Ledecky plauderte sie fröhlich am Beckenrand.

Später warf Köhler tief gerührt Kusshände zu den Kollegen auf der Tribüne, wo die 15:42,91 Minuten lautstark und mit Fahnen bejubelt wurden. „Ab etwa 900 Meter tat es richtig weh, irgendwann ist es ein Kampf gegen den inneren Schweinehund“, sagte Köhler. Weltrekordler Paul Biedermann gratulierte zu Edelmetall und zur „starken Zeit“.

Die ersehnte Medaille, mit der sich Köhler einen „Kindheitstraum“ erfüllte, bewies endgültig, dass sich die Veränderungen der vergangenen Jahre gelohnt haben. Köhler wechselte im Sommer 2018 von Frankfurt/Main in die starke Trainingsgruppe Berkhahns nach Magdeburg. Es lohnte sich. Der Vize-Weltmeisterschaft über 1500 Meter Freistil und dem Titel mit der Freiwasserstaffel im Sommer 2019 folgte ein Kurzbahn-Weltrekord über 1500 Meter Freistil im Winter. Als Olympia 2020 wegen der Corona-Pandemie verschoben wurde, verlegte die meinungsstarke Jura-Studentin auch ihr Staatsexamen um ein Jahr nach hinten.

Am Tag vor dem Auftritt Wellbrocks über 800 Meter Freistil war Köhlers Performance schlicht herausragend. Ihre nationale Bestmarke verbesserte sie um rund sechs Sekunden. Dass Wellbrock angesichts der Konzentration auf die eigenen großen Ziele nicht zum Anfeuern auf der Tribüne saß, störte die gebürtige Hanauerin nicht. „Wir haben uns noch kurz gesehen, nachdem ich mit dem Einschwimmen fertig war – und das war’s auch“, sagte Köhler in den Katakomben des Tokyo Aquatics Centres: „Wir sind hier bei Olympischen Spielen. Es geht hier um die Medaillen. Darum, die beste Leistung abzuliefern und nicht hier irgendwie rumzukuscheln.“

Auch im olympischen Dorf wohnt das Paar nicht zusammen. „Für uns ist das kein Thema“, sagte Köhler. „Wir können zu Hause wieder in einem Bett schlafen.“ Wellbrock startet als Weltmeister im 1500-Meter-Rennen sowie im Freiwasser und gilt als Goldkandidat. Ähnlich wie Köhler tritt auch er in Tokio sehr konzentriert auf. Die Medaille sei „super und wichtig“, sagte Freiwasser-Rekordweltmeister Thomas Lurz nach dem Köhler-Coup: „Ich denke es kommen noch ein paar dazu.“ Auch Bundestrainer Berkhahn hofft auf Auftrieb: „Für mich ist jetzt wichtig, dass die Sportler merken, dass ein Schwimmer vom DSV in der Lage ist, bei Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen.“  dpa

Artikel 1 von 11