„Wie kann man ihr das nur antun?“

von Redaktion

Sportpsychologe Herzog über mentalen Stress bei Biles, Osaka und Co.

München – Matthias Herzog (44) ist Sportpsychologe und Motivationscoach. Unsere Zeitung hat mit ihm über die mentalen Herausforderungen von Simone Biles (24), Naomi Osaka (23) & Co. gesprochen.

Herr Herzog, wie beurteilen Sie Simone Biles, die wegen mentalen Problemen den Turn-Teamwettkampf abbrach?

Das war eine beeindruckende Reaktion. Scheitern oder aufgeben gibt es im Turnen eigentlich nicht, das hat auch Andreas Toba in Rio demonstriert, als er trotz Kreuzbandriss weiterturnte. Man wird als Kind dazu getrimmt abzuliefern. Biles hatte die Stärke, sich einzugestehen, dass sie nicht in der richtigen Verfassung ist.

Womöglich startet sie noch in einem Einzel-Finale. Kann das gut gehen?

Der Blick von außen auf sie wäre noch intensiver als ohnehin, aber die Erwartungen wären geringer, niemand denkt jetzt an Gold. Und es wird entscheidend sein, ob sie den Spaß wiederfindet.

Auf dem Siegerpodest hat Biles wieder gelacht. War das eine ehrliche Freude?

Für mich wirkte es so, ja. Von ihr ist eine Last abgefallen und sie hat gemerkt, dass sie als Mensch geliebt wird, das stärkt einen Menschen.

Naomi Osaka sollte das Gesicht der Spiele werden. Warum ist sie krachend gescheitert?

Osaka ist introvertiert. Sie ist nicht der Teletubbie-auf-Ecstasy-Typ wie früher Usain Bolt. Der hat aus der Show noch mehr Energie gezogen, für Osaka ist das mehr Stress. Ich verstehe auch nicht, warum man sie das Feuer hat entzünden lassen. Wie konnte man ihr das antun? Sie hat erst vor zwei Monaten die French Open wegen Depressionen abgebrochen. Wenn man solche Züge in sich trägt, regelt sich das nicht in so kurzer Zeit.

Schwimmerin Sarah Köhler sagte nach Bronze mit Blick auf ihren Verlobten Florian Wellbrock, sie sei wegen der Medaillen hier und nicht um rumzukuscheln. Sie hat den Druck scheinbar positiv umgewandelt, oder?

Sportler brauchen eine Grundspannung gepaart mit der nötigen Lockerheit. Diesen Zustand hat sie wohl im Gegensatz zu ihren Teamkollegen Marco Koch und Franziska Hentke erreicht. Für die Schwimmer könnte diese erste Medaille nach 13 Jahren eine Initialzündung sein, sie nimmt Druck.

Können Sie beziffern, wie viel Prozent der Leistung der Kopf ausmacht?

Im Spitzenbereich sind es bis zu 80 Prozent. Bogenschützin Lisa Unruh hat im Team eine „2“ geschossen als sie eine „6“ gebraucht hätte. Und danach eine „10“ als eine „9“ nötig war. Das zeigt, wie Gedanken die Leistung lenken und verändern können.

Wo wir bei Alexander Zverev wären. Vor drei Wochen in Wimbledon scheiterte er im Achtelfinale wegen 20 Doppelfehlern. In Tokio siegte er gestern dank seines starken Aufschlags…

Er ist die männliche Anna Kournikova (Ex-Spielerin mit Aufschlagproblemen, Anm. d. Red.). Er hat seine Emotionen noch nicht immer unter Kontrolle und lässt sich zu leicht ablenken. Wobei Tennis und auch Golf sehr spezielle Sportarten sind. Wenn man daran denkt, bloß keinen Doppelfehler zu machen, dann passiert genau das.

Interview: Mathias Müller

Artikel 1 von 11