München – Die 100-m-Bestzeit von Patrick Saile liegt bei 10,73 Sekunden, gelaufen 2015. Seit vergangenem Herbst ist er Nationaltrainer des Schweizer Sprintteams, davor war der 35-Jährige beim Bayerischen Leichtathletikverband verantwortlich. Aktuell arbeitet er zudem mit der 100-m-Halbfinalistin Alexandra Burghardt (27) aus Altlötting zusammen. Unsere Zeitung sprach mit Saile über die auffällig schnellen Zeiten in Tokio und aktuelle Dopingfälle.
Herr Saile, Alexandra Burghardt ist im Halbfinale mit der zweitschnellsten Zeit (11,07) ihrer Karriere ausgeschieden. Mehr kann man trotzdem nicht erwarten, oder?
Einerseits sind wir zufrieden, klar. Andererseits war Alex im Halbfinale beim Start etwas zu hoch, eine Zehntel lässt sie insgesamt bestimmt noch liegen. Das Finale wäre also drin gewesen, deswegen war sie auch etwas enttäuscht. Vielleicht schaffen wir in dieser Saison noch eine Zeit unter elf Sekunden.
Wie viel Steigerung ist in kurzer Zeit möglich?
Das kommt auf die Ausgangssituation an, Alex ist früher schon 11,30 gelaufen und wir haben technisch sehr viel gearbeitet.
Olympiasieger Marcell Jacobs war 2019 bei der WM noch 18. mit einer Zeit von 10,20. Am Sonntag hat er mit 9,80 gewonnen. Ihre Einschätzung?
Letztes Jahr ist er noch eine 10,10 gelaufen und hat gegen meinen Athleten nicht gut ausgeschaut. Die 9,80 sind schon ein Brett. Er läuft technisch perfekt, seine Beschleunigung ist erste Sahne.
Also keine Skepsis?
Die Verbesserung seiner Zeiten ist schon enorm und schwierig. Aber ich will nicht sagen, dass es nicht geht.
Olympiasiegerin Elaine Thompson-Herah ist mit 10,61 Sekunden eine Hundertstel schneller gesprintet als die stets mit Doping in Verbindung gebrachte Florence Griffith-Joyner in Seoul 1988. Geht das?
Mit Rückenwind wäre sie sogar Weltrekord (10,49 Sek., d. Red.) gelaufen. Die Jamaikanerinnen laufen sehr sauber, bei ihnen sieht es sehr spielerisch aus, aber ich weiß auch, dass die Dopingkontrollen in Jamaika sicher nicht so umfangreich sind wie bei uns. Der Gedanke, was wäre, wenn alle sauber sind, kommt mir schon hin und wieder. Wenn Alex die elftbeste Zeit läuft und man davon ausgeht, dass im Feld zwei, drei Kontrahentinnen betrügen, stünde sie schon im Finale.
Wie engmaschig waren die Kontrollen in Europa?
Ich kriege das nicht immer bei jedem Athleten mit, aber kürzlich hatten wir noch eine Trainingskontrolle in Zürich. Und Alex wurde nach der Deutschen Meisterschaft in vier Wochen fünf Mal getestet.
Sie hatten mit Ajla Del Ponte (5.) und Mujinga Kambundji (6.) zwei Athletinnen im Endlauf. Kommt in der Schweiz nicht oft vor. Hatten Sie damit gerechnet?
Mujinga ist die Zeit ja schon früher gelaufen. Ajla war 2020 schon sehr schnell und hat dieses Jahr in der Halle den EM-Titel über 60 Meter gewonnen, es war eine Frage der Zeit, bis sie unter 11 Sekunden läuft. Die 10,91 im Halbfinale waren megastark, da war auch ich überrascht.
Welche Rolle spielen die neuen Schuhe mit Karbonplatte?
Es ist schwer zu bemessen, wie viel Zeit das bringt. Man muss seinen Laufstil ändern und etwas länger am Boden warten. Aber ich habe Messungen gesehen; wer das hinbekommt, der profitiert davon. Generell muss man zu dem Thema vielleicht noch sagen, dass die Läufer heute alle technisch besser und biomechanisch effizienter Laufen als noch in den 70er- oder 80er-Jahren.
Interview: Mathias Müller