Tokio – Frank Stäbler hat die Verbindung zur Außenwelt gekappt. Das Handy liegt ungenutzt in der Ecke, die sonst reichhaltig bestückten Kanäle des dreimaligen Ringer-Weltmeisters in den sozialen Netzwerken werden nicht mehr versorgt. „Ich bin ab jetzt im Offline-Modus“, ließ Stäbler seine Fans am Freitag aus dem olympischen Dorf wissen: „Nun kommen die finalen letzten harten Tage. Die letzten zwei Kilos müssen noch runter – und dann kann es endlich losgehen.“
Bis zum heutigen Dienstag muss sich Stäbler noch gedulden. Dann will der 32-Jährige bei seinem letzten internationalen Wettkampf doch noch seinen Frieden mit Olympia machen. Zum Auftakt trifft der ungesetzte Stäbler auf den serbischen Europameister Mate Nemes.
Von seinem Management ist zu hören, dass Stäbler „bereit“ sei. Das „Gewicht machen“ laufe „planmäßig“, die letzte Phase der Vorbereitung habe „sehr gut“ funktioniert. Zum „Beweis“ postete Stäblers Team ein Foto aus der Trainingshalle, das den Schwaben mit zwei Daumen nach oben zeigt.
Ob all die Zuversicht aber für den ersehnten ersten Sprung aufs Olympia-Podium reicht, erscheint fraglich. Zu groß waren die Probleme, die dem Musberger in der Vorbereitung im Weg standen. Stäbler war im vergangenen Jahr heftig an Corona erkrankt, zudem leidet er an einer chronischen Schulterverletzung. Dazu hält der Greco-Spezialist seit Wochen eine kräftezehrende Diät, um das Gewicht für die Klasse bis 67 Kilogramm zu bringen.
Das frühe Aus bei der zurückliegenden EM im April war für viele Beobachter das eindeutige Zeichen dafür, dass der deutsche Vorzeigeringer der vergangenen Jahre seinen Zenit überschritten hat. Stäbler selbst sieht das naturgemäß anders.
„Die Form ist gut, ich habe die zurückliegenden Trainingskämpfe alle überragend gewonnen. Das gibt große Hoffnung, der Traum lebt“, sagte der zweifache Familienvater vor seiner Abreise nach Tokio am vergangenen Montag: „Die Vorfreude ist unglaublich groß, weil ich so lange darauf hingefiebert habe. Fünf verdammt lange Jahre sind seit Rio vergangen – und nun ist Showtime.“
Bei den Spielen 2016 war Stäbler als großer Favorit an den Start gegangen, doch eine schwere Verletzung verhinderte einen Erfolg. In Japan könnte sich die Geschichte wiederholen, denn der Deutsche hat aufgrund seiner lädierten Schulter seit der EM keinen Wettkampf mehr bestritten. „Dann wäre ich ganz kaputt nach Tokio gefahren“, gab er zu.
Die Wettkampfpause hat allerdings dazu geführt, dass Stäbler nicht weiß, wo er im Vergleich mit seinen Kontrahenten steht. Elf der 16 Starter zählt der Sportsoldat zu den Medaillenkandidaten.
„Ich hoffe, dass die Besten der Welt in der Form ihres Lebens antreten. Wenn man dann eine Medaille gewinnt, hat man es verdient“, sagte Stäbler, der seine internationale Laufbahn eigentlich schon im vergangenen Jahr beenden wollte: „Der Olympia-Gott hat mir viele Steine in den Weg gelegt. Ich weiß, was ich für diese letzte Chance alles geopfert habe.“ sid