„Gold! Alles andere wäre verrückt“

von Redaktion

Bundestrainer Obergföll spricht über Olympia-Ziel von Speerwurf-Favorit Vetter

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – Die Grundlagen der Gold-Mission von Johannes Vetter wurden in Zeiten großer Unsicherheit geschaffen. „Als die Spiele letztes Jahr verschoben wurden, war der Umgang mit der Situation entscheidend“, sagt Boris Obergföll unserer Zeitung. Er startete mit seinem Schützling einen langfristigen Aufbau, arbeitete stark an der Technik des derzeit weltbesten Speerwerfers, damit diese wieder stabil wird. „Wir haben uns nicht weggeduckt“, sagt Obergföll.

Der 47-Jährige habe Vetter schon früh gesagt, dass er 2020 unbedingt mit guten Leistungen beenden muss, um motiviert in das Olympia-Jahr zu starten: „Vielen Athleten aus meinem Bundeskader ist das letztes Jahr nicht gelungen, die straucheln aktuell.“

Vetter strauchelte nicht, sondern schleuderte den Speer im September 2020 auf 97,76 Meter. Die zweitbeste Weite in der Speerwurf-Geschichte, nur 72 Zentimeter fehlten zum Weltrekord von Jan Zelezny. „Das muss ich erstmal alles einordnen, aber ich bin stolz wie Bolle“, sagte Vetter damals.

Bei der Einordnung hilft vor allem Obergföll. Und das nicht nur bei sportlichen Themen. Trainer und Athlet haben ein enges Verhältnis, bei dem auch der Spaß nie zu kurz kommt. Sei es eine Runde Badminton bei der Einreise am japanischen Flughafen oder oberkörperfreie Trainingsbilder auf Instagram. „Er hat eine väterliche Rolle für mich“, sagt Vetter: „Ich habe die letzten Jahre auch gemerkt, je einfühlsamer wir miteinander umgehen, je mehr wir reden, desto besser lernen wir uns kennen und umso besser ist auch die Kommunikation und das Verständnis im Training und Wettkampf.“

In den Wochen vor der Abreise Richtung Japan wollte Obergföll bei Vetter die Kraft „noch ein kleines bisschen nach oben ziehen. Unmittelbar vor den Olympischen Spielen lässt man es dann einfach nur noch laufen.“

Bei der Frage, ob es den perfekten Wurf von Vetter geben würde, muss Obergföll lachen. Klar gebe es Parameter, die stimmen müssen. Das Stemmbein, die Anlaufgeschwindigkeiten von 6,5 bis 7 Metern pro Sekunde, eine schöne Wurfverzögerung. Aber: „Johannes wirft aktuell auch teilweise krumm und schief und kommt trotzdem über die 90 Meter.“

Die Beläge können die Kraft von Vetter nicht kompensieren, daher rutsche er häufig weg. Das Problem sollte in Tokio aufgrund des harten Belags aber nicht auftreten.

Und die fehlende Atmosphäre, ist sie ein Nachteil für Vetter? „Johannes kann auch ohne Zuschauer, er bringt immer seine Leistung“, sagt Obergföll. Das ganz fröhliche Beisammensein von Athleten aus aller Welt gebe es seiner Meinung nach aber ohnehin schon länger nicht mehr. Obergföll erinnert sich an die Spiele 2016 in Rio und muss anfangen zu lachen: „Dort war das Essen beispielsweise so schlecht, dass ich fast brechen musste.“ Als aktiver Athlet habe er das letzte Mal in Sydney Partystimmung erlebt. Die Speerwerfer waren zum Auftakt dran, „anschließend konnten wir bis zum Schluss auch außerhalb der Hallen Gas geben“.

Der Bundestrainer Obergföll wird bei der Speerwurf-Qualifikation in der Nacht auf Mittwoch genau beobachten, wie viel Gas Vetter schon gibt. Denn die Vorgabe ist klar: „Wir wären ja verrückt, wenn wir nicht die Goldmedaille als Ziel hätten. Nach den Vorleistungen von Johannes steht das völlig außer Frage.“

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