München – Es gab kaum ein Rennen, wo das Drehbuch eines Grand-Prix so viele Anti-Helden, Helden und tragische Helden ins Skript packte als am Sonntag in Budapest. Die Helden sind schnell erwähnt: Der junge Franzose Esteban Ocon, der das Chaos und skurrilen Umstände nutzte, um für sein Alpine-Team seinen ersten Sieg in der Königsklasse einzufahren. Fast noch heroischer ist die Leistung seines Teamkollegen Fernando Alonso (40) zu bewerten. Der zweimalige Weltmeister aus Spanien verlor beim Lotteriestart auf feuchter Piste zu viele Positionen, um eine ernsthafte Rolle für den Sieg zu spielen. Er kostete aber gegen Ende des Rennens seinem Erzrivalen Lewis Hamilton (36) in einem erbittert geführten Zweikampf die entscheidenden Sekunden – hätte er den mit frischen Reifen ausgestatteten Mercedes-Superstar nicht so lange hinter sich halten können, Ocon wäre locker von Hamilton überholt worden, der zu diesem Zeitpunkt zwei Sekunden schneller fahren konnte. So gewann Ocon, vor dem später disqualifizierten Sebastian Vettel und Hamilton. Alonso, längst auch einer der meinungsstärksten Piloten in der ansonsten eher mit Maulkorb ausgestatteten Fahrerszene, gibt das auch zu: „“Ich habe auf den Bildschirmen rund um die Strecke gesehen, wie Vettel und Esteban ein paar Kurven vor mir um den Sieg gekämpft haben und ich wusste: Jede Runde, die ich Lewis aufhalten kann, ist Gold für den Sieg.“
Aber er machte es nicht nur für Teamkollegen Ocon. Alonsos überraschende wie kritische Anmerkung: „Das war auch wichtig für Max und ich habe wirklich alles gegeben. Dieser Sport ist ein britisch geprägtes Umfeld: Teams, Journalisten, TV-Crews – die meisten stammen aus England. Und natürlich bevorzugen sie alle den Typen aus ihrem Heimatland. Ich habe mich damals richtig schlecht gefühlt, als ich gegen britische Fahrer (2007 bei McLaren gegen Lewis Hamilton, die Red.) gekämpft habe. Deshalb verstehe ich seine Situation.“
Anti-Held Nummer Eins: Hamiltons finnischer Teamkollege Valtteri Bottas (31). Bottas kann einem in seinem momentanen Unglückswurm-Dasein schon fast leid tun. Er hatte es eh schon schwer genug im Mercedes-Team, das alles für Superstar Hamilton macht. In Ungarn hat er Hamilton und Team ungewollt den bisher größten Bärendienst erwiesen. Beim Start verschätzte er sich, fuhr McLaren-Youngster Lando Norris ins Heck, der rammte daraufhin ausgerechnet die beiden Red.Bulls ab, die roten Tücher im WM-Kampf von Hamilton und Co. Bottas Zeit bei den „Schwarzpfeilen“ ist abgelaufen.
Die tragischen Helden sind Red-Bull-Pilot Sergio Perez, der nach dem Startcrash nicht mehr weiterfahren konnte. Und sein Teamkollege Max Verstappen. Der niederländische „Mozart der Formel 1“ konnte zwar weiterfahren, aber sein Auto war zu schwer beschädigt. Mehr als ein zehnter Platz und ein magerer Punkt waren nicht mehr drin.
Größter Held und tragischer Held zugleich war Sebastian Vettel (34). Zuerst fuhr er seinen nicht ganz konkurrenzfähigen Aston Martin mit großem Können auf den zweiten Platz. Dann wurde er aber disqualifiziert, weil sein Auto am Ende des Rennens nur noch 0,3 Liter Sprit an Bord hatte. Gefordert sind aber ein Liter. Der größte Held war er aber in Ungarn wegen seiner Zivilcourage. Demonstrativ trug er bei der Fahrerparade ein Regenbogen-T-Shirt, um auf die totalitäre Regierung in Ungarn hinzuweisen. Auch von den doppelmoralischen Formel-1-Managern ließ er sich nicht davon abbringen. Nach außen hin fördern sie die von Hamilton kreierte Initiative „We race as one.“ Trotzdem wurde er in barschem Ton aufgefordert, das sein Regenbogen-T-Shirt beim Abspielen der ungarischen Nationalhymne auszuziehen. Er weigerte sich. Dafür erhielt er eine Verwarnung. Das beeindruckt den Heppenheimer aber nicht: „Auf den Teppichen steht „We Race as One“ und dann soll ich mein Shirt ausziehen? Das ist lächerlich. Sollen sie mich bestrafen, ich würde es genauso wieder tun.“ Dafür gebührt ihm der größte Respekt.