Tokio – Malaika Mihambo stand mit geschlossenen Augen ganz oben auf dem Siegerpodest und summte in sich versunken die Nationalhymne mit. Dann hielt die Weitsprung-Olympiasiegerin glücklich lächelnd diese schwere Goldmedaille hoch, in der so viel Arbeit, Entbehrung und überwundene Selbstzweifel steckten.
„Ich weiß noch gar nicht, was das für mich alles bedeutet, bin einfach überwältigt“, sagte Mihambo, die in einem Thriller für die Geschichtsbücher mit dem letzten Sprung zum größten Erfolg ihrer Karriere geflogen war: „Ich weiß aber, dass ich gerade sehr glücklich bin.“
Sieben Stunden zuvor hatte Mihambo die wohl längsten Minuten ihres Sportlerlebens durchlitten. Im finalen Versuch war sie genau auf 7,00 m geflogen, hatte erstmals an diesem Tag die Führung übernommen. Doch die Nigerianerin Ese Brume als zuvor Zweite und die Amerikanerin Brittney Reese als bislang Führende (beide 6,97) hatten noch die Chance zum Konter. Mihambo hockte neben der Grube und hielt sich die Augen zu.
„Das mag ich am wenigsten“, sagte Mihambo nach den „wichtigsten sieben Metern meines Lebens“, nämlich: „Warten müssen und selber nichts mehr machen können. Das waren schlimme Momente – zumal ich bei dem letzten Sprung auch noch 19 Zentimeter verschenkt hatte.“ Als beide Rivalinnen ihre Chancen vergeben hatten, gab es für Mihambo kein Halten mehr. Die ganze Erleichterung, dass dieses schwierige Jahr, in dem der Weltmeisterin lange wenig gelingen wollte, doch noch zum goldenen Happy End geführt hatte, bündelte sich in einem durchdringenden Schrei.
Sie habe viel an sich gezweifelt, erzählte die 27-Jährige, „das Springen ist mir schwergefallen“. Die Selbstverständlichkeit war Mihambo abhanden gekommen, aus der 7,30-m-Springerin des WM-Coups von Doha war zwischenzeitlich eine 6,60-m-Springerin geworden. „Umso mehr bedeutet es mir, dass dieser harte, aber auch lehrreiche Weg jetzt mit Gold gekrönt wurde.“
Wie sehr Mihambo in sich ruht und mit sich im Reinen ist, machte sie auch in Tokio deutlich. „Ich habe herausgefunden, dass ich niemanden etwas zu beweisen habe“, sagte sie, „ich muss nicht nach Tokio reisen und Gold gewinnen und kann mich trotzdem gut und als tolle Sportlerin fühlen. Ich mag mich als Mensch, bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Das hat mir heute die Lockerheit gegeben.“
Die größte Show des Leichtathletik-Tages bot der Norweger Karsten Warholm über 400 m Hürden. Dem 25-Jährigen quollen fast die Augen raus, als er nach seinem Wahnsinns-Lauf auf die Anzeigentafel schaute. 45,94 Sekunden standen da notiert für den Olympiasieger, Warholm zerriss sich das Trikot. Ein Weltrekord war von dem 25-Jährigen fast erwartet worden, aber 45,94 Sekunden? Niemals. Nicht diese unwirkliche Fabelzeit.
„Das ist so verrückt, verrückt. Das ist mit Abstand der größte Moment meines Lebens“, sagte Warholm, nachdem er seine eigene Bestmarke gleich um 76 Hundertstelsekunden verbessert hatte. Auch Silbergewinner Rai Benjamin (USA) blieb in diesem ultraschnellen Rennen mit 46,17 Sekunden deutlich unter Warholms altem Weltrekord vom 1. Juli (46,70). Bronze ging an den Brasilianer Alison Dos Santos, der mit 46,72 Sekunden schneller war als Kevin Young (USA) bei seinem Olympiasieg 1992. Dessen 46,78 Sekunden hatten 29 Jahre als Weltrekord Bestand, ehe Warholm am 1. Juli 46,70 Sekunden hinlegte.
„Ich habe wie ein verdammter Wahnsinniger trainiert“, sagte Warholm: „Ich hatte letzte Nacht Mühe einzuschlafen, weil ich dieses besondere Gefühl in meiner Brust hatte. Es ist wie das Gefühl, das ich als Sechsjähriger an Heiligabend hatte. Ein Gefühl, von dem man nicht glaubt, dass man es noch einmal haben wird, wenn man älter ist. Aber ich hatte es letzte Nacht.“
Historisches vollbrachte auch Jamaikas Starsprinterin Elaine Thompson-Herah. Drei Tage nach ihrem Gold über 100 m stürmte die 29-Jährige in 21,53 Sekunden auch zum Olympiasieg über 200 m, sie ist damit die erste Frau, die das doppelte Double bei Sommerspielen schafft. Thompson-Herah hatte schon 2016 in Rio über 100 und 200 m triumphiert. Jemals schneller war nur die sagenumwobene Weltrekordlerin Florence Griffith-Joyner (USA) bei ihrem Olympiasieg 1988 in Seoul (21,34).
Ein couragiertes 800-m-Rennen lief die erst 19-jährige Athin Mu (USA), die mit US-Rekord von 1:55,21 Minuten und großem Vorsprung ins Ziel kam.
In gewohnt souveräner Manier triumphierte Stabhochspringer Armand Duplantis. Der Schwede flog ohne Fehlversuch über 6,02 m und holte sich damit Gold. Danach versuchte er sich noch am Weltrekord von 6,19 m und scheiterte nur knapp. sid