München – So richtig angekommen ist Theresa Stoll noch nicht in Deutschland. Um fünf Uhr morgens ist sie schon aufgewacht und hat anschließend direkt wieder die Olympischen Spiele per Livestream geschaut. Vor einigen Tagen war die 25-Jährige noch selbst in Tokio und holte mit dem Judo-Team Bronze. Unser Interview mit der Münchnerin.
Theresa Stoll, am Münchner Flughafen wurden Sie von Freunden und der Familie empfangen. Was war das für ein Gefühl?
Es war unbeschreiblich, so ein schöner Empfang. Aber ganz ehrlich: Die zwei Nächte zuvor hatte ich gar nicht geschlafen. Dementsprechend war ich völlig fertig und auch ein bisschen überfordert. Aber natürlich habe ich mich riesig gefreut.
War nach dem Medaillengewinn nicht an Schlaf zu denken?
Wir haben mit dem Judo-Team auf die Medaille angestoßen, die ganze Nacht lang (lacht). Auf dem Rückflug konnte ich auch nicht schlafen. Das ganze Erlebnis war ein absolutes Gefühlschaos. Ich kann das Ganze immer noch nicht realisieren.
Ihren ersten Kampf im Einzel haben Sie überraschend verloren. Haben Sie mittlerweile eine Erklärung dafür?
Mich hat das vor Ort alles ziemlich geflasht und beeindruckt. Am Wettkampftag war ich dann eigentlich ziemlich fokussiert und habe mich gut gefühlt. Wer am coolsten bleibt, steht am Ende oben, das habe ich nicht geschafft. Ich hatte in der ersten Runde ein Freilos, meine Gegnerin hatte schon einen Vorkampf. Das Wichtigste an einem Wettkampftag ist immer der erste Kampf. Man muss im Turnier ankommen, spüren, wie man drauf ist. Ich war anfangs zu zögerlich und zurückhaltend, sie hat sehr aggressiv gekämpft und mich ständig unter Druck gesetzt.
Und dann lagen Sie auf der Matte und der Olympia-Traum zerplatzte jäh.
Das war ein Schockmoment. Ich konnte es nicht fassen, dass so schnell alles vorbei ist. Fünf Jahre haben wir darauf hingearbeitet. Ich war froh, dass meine Schwester Amelie dabei war und mich abgelenkt hat. Als ich dann die Finalkämpfe im TV gesehen habe, ist aber wieder alles eingebrochen. Ständig der Gedanke: Da hätte auch ich sein können. Mir ging es zwei Tage echt nicht gut.
Wie schwer war es, sich für den Start im Mixed-Team noch mal aufzuraffen?
Wir Judoka waren echt ein super Team. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und aufgebaut. Die ersten Tage liefen für viele von uns nicht gut. Wir Athleten haben uns dann abends noch mal auf dem Zimmer getroffen. Das war ein besonderer Moment. Wir haben uns auf den Wettbewerb eingeschworen. Haben uns versprochen, dass wir in den Kämpfen alles geben werden. Bis zur letzten Sekunde.
Ist der Druck bei einem Teamwettbewerb für Sie persönlich noch mal höher?
Solche Kämpfe sind deutlich aufregender. Wenn man nicht abliefert, leidet das ganze Team. Das hat man natürlich im Hinterkopf. Aber ich weiß ja, was ich kann. Daran hat meine Niederlage im Einzel nichts geändert. Ich war super motiviert, mit dem Team eine Medaille zu gewinnen.
Wie war Ihr Gefühl vor den Kämpfen im Mixed-Team?
Als wir morgens in die Halle gekommen sind, habe ich eine besondere Energie gespürt. Wir haben als Team so eine Geschlossenheit ausgestrahlt und die dann auch auf die Matte gebracht. Wenn ich an die Kämpfe denke, werde ich schon wieder emotional. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen.
Interview: Nico-Marius Schmitz