Der Boots-Papa ist endlich am Ziel

von Redaktion

Kajak-Vierer holt Gold – Routinier Ronald Rauhe beendet Karriere als Fahnenträger

Tokio – Beim Gedanken an den kleinen Til kamen Ronald Rauhe die Tränen. „Mein Sohn wird in zwei, drei Stunden eingeschult. Trotzdem habe ich gerade ein Foto bekommen, wie er um 3 Uhr nachts für mich aufgestanden ist“, sagte der 39-Jährige mit stockender Stimme nach dem letzten, mit Gold gekrönten Rennen seiner beeindruckenden Kanu-Karriere.

Denn was der Sohnemann mitten in der Nacht zu sehen bekam, hatte es in sich. Mit dem deutschen Kajak-Vierer stürmte Rauhe nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Spanien zum Olympiasieg und belohnte sich für jahrelange Schinderei. Und nicht nur das: Wenige Minuten später erhielt er die Nachricht, bei der Schlussfeier die deutsche Fahne tragen zu dürfen.

„Ich muss mich erstmal sortieren. Ich habe noch nie eine Eröffnungsfeier mitgemacht, bin also noch nie in den Genuss gekommen, überhaupt einzumarschieren“, sagte Rauhe und blickte auf die Medaille: „Die Fahne aus dem Stadion zu tragen, ist noch einmal die Krönung zu dem, was ich hier in der Hand halte.“

Dabei hatte Rauhe eigentlich schon 2016 aufhören wollen. Doch Ehefrau Fanny, Olympiasiegerin von 2008 und Nichte von Kanu-Legende Birgit Fischer, motivierte ihn zum Weitermachen. Als dann die Vierer-Distanz für Tokio auf 500 m halbiert wurde, war Sprintspezialist Rauhe endgültig überzeugt und stieg als Boots-Papa mit deutlich jüngeren Kollegen in das für ihn neue Boot.

Kaum zu glauben: Tokio waren schon die sechsten Spiele für „Ronny“, seine 16 WM-Titel sind einsamer Rekord. „Ich hatte Glück, und auch meine Genetik spricht ein bisschen für mich“, sagte der Mann mit der markanten Glatze, der jahrelang im Einer oder Zweier paddelte. 2004 in Athen hatte er an der Seite von Tim Wieskötter das erste Mal Gold gewonnen. Tokio war nun das letzte Ziel. „Als ich vor dem letzten Schlag gesehen habe, dass wir vorne sind, haben mich die Emotionen überrannt. Dafür habe ich eineinhalb Jahre länger gearbeitet. Ich hätte mir nichts anderes erträumen und wünschen können. Das macht es mir heute leicht, meine Karriere zu beenden“, sagte Rauhe.

Und die Familie? Die hatte ihren ganz eigenen Anteil an der Medaille. „Ich hatte hier eine Box mit Briefen dabei, jeden Tag habe ich einen aufgemacht“, erzählte Rauhe, und wieder kamen ihm die Tränen: „Meine Frau hat viel zu leisten zu Hause. Die haben alle einen ganz, ganz ganz großen Anteil an diesem Gold.“ Für solche Worte steht man doch gerne nachts um 3 Uhr auf. Sogar wenige Stunden vor der Einschulung.  sid

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