Pfiffe sind seit jeher fester Bestandteil der Fußballfolklore. Sie gehören zu diesem Spiel wie Torjubel und Szenenapplaus. Und die Fans wissen dabei auch um die Wirksamkeit dieses Ausdrucksmittels. Pfiffe können ja richtig wehtun, demoralisieren, irritieren. Mit Pfeifkonzerten versucht man den Gegner zu schwächen, den Schiedsrichter zu verunsichern.
Seltener kommt es vor, dass sich Pfiffe gegen die eigene Mannschaft richten. Dies geschieht, wenn diese vorwiegend Enttäuschungen abliefert oder – ganz schlimm – erst gar nicht versucht, sich gegen drohendes Schicksal aufzubäumen. Eher die große Ausnahme aber sind die Unmutsbekundungen, die sich auf einen einzelnen Spieler richten. Sie zielen auf das Persönliche, sind eine nur schwer erträgliche individuelle Maßregelung. Und somit dürfte davon auszugehen sein, dass im Innersten des Fußballprofis Leroy Sané derzeit wohl eine verletzte Seele vorzufinden ist. Der 25-Jährige wurde im Spiel gegen Köln nicht nur ausgepfiffen, auf seine Auswechslung reagierte der Anhang des FC Bayern auch noch mit höhnischem Applaus – Höchststrafe.
Unweigerlich stellt sich hier die Frage, warum denn Sané plötzlich am Fußball-Pranger steht?. Grobe Verfehlungen hat er sich ja nicht zuschulden kommen lassen. Immerhin ist der 50 Millionen teure Flügelspieler vergangene Saison in 32 Bundesligaspielen (sechs Tore) zum Einsatz gekommen. Glänzen konnte er jedoch nicht, sein erstes Bayern-Jahr war eine leise Enttäuschung. Doch rühren die Schmähungen wirklich allein daher, dass Sané bisher nicht halten konnte, was sich viele vom Neuzugang versprachen? Gut möglich, dass hier auch die Körpersprache eine große Rolle spielt. Sie passt so gar nicht zur hohen Ablöse, zum hohen Gehalt. Nicht selten erweckt Sané den Eindruck, er gehe vieles zu lasch, zu locker an, er verkörpere den verwöhnten, zaghaften Fußball-Millionär – eine Spezies, gegen die der immer kritischer werdende Fan besonders allergisch ist.
Erinnert sei hierbei an Arjen Robben, der sich einst ebenfalls mit dem Missfallen der Bayern-Fans konfrontiert sah. Der Niederländer galt als miesepetriger Egomane, vergab wichtige Elfmeter. Doch Robben ließ sich nicht unterkriegen, reagierte mit Turbo-Dribblings und Toren, stieg zum Publikumsliebling auf, indem er zeigte, dass ein großer Champion in ihm steckte. Leroy Sané muss das erst noch beweisen.
Armin.Gibis@ovb.net