Tokio/München – „Die Eröffnungsfeier wird mega“, ist sich Michael Teuber, 53, vor den diesen Dienstag beginnenden Paralympics sicher. Der Radprofi aus Dietenhausen erlebt zwar schon seine sechsten Spiele, doch eben aus besonderer Perspektive: als deutscher Fahnenträger, gemeinsam mit der Hamburger Rollstuhl-Basketballerin Mareike Miller, 31.
Die repräsentative Aufgabe hat sich nun einfach mal angeboten. Teuber hat im deutschen Team den größten Erfahrungsschatz, ist fünfmaliger Paralympics-Sieger und eine Figur weit über den Behindertensport hinaus. Man kennt seine Geschichte: Unverschuldeter Autounfall mit 19, inkomplette Querschnittslähmung. Als er eine Restfunktion im Oberschenkel bemerkt, beginnt er zu trainieren. Dank einer Carbonschiene kann er stehen, gehen. Er bestieg den Kilimandscharo und den fast 6300 Meter hohen Chimborazo in Ekuador. Er ist Laureus-Botschafter und vor allem ein fantastischer Radfahrer, der im Jahr seine 20 000 Kilometer runterkurbelt. Ein Tour-de-France-Profi-Pensum.
Teuber hat alles abgewogen: Unter welchen Umständen diese wie Olympia um ein Jahr verschobenen Paralympics stattfinden, dass sie grundsätzlich umstritten sind, doch er sagt: „Die Freude überwiegt.“ Und es kann ja auch sein, dass es ein Erlebnis sein wird, das er intensiv wahrnehmen und abspeichern muss, weil es womöglich keine siebten Spiele für ihn geben wird. Es wird immer schwerer, sich überhaupt zu qualifizieren: „Im Para-Radsport geht fast nur mit Medaillenchance was.“
Der Oberbayer war wieder viel unterwegs in letzter Zeit: Winter- und Frühjahrstraining auf Mallorca, bis vor knapp einer Woche noch Höhentrainingslager in Livigno in den Alpen. Seit Freitag ist Teuber in Izu, wo die Radbahn steht. Die mit der sibirischen Fichte, die bei Olympia Weltrekorde ermöglichte. Er fühlt sich gut: „Nach dem Höhentraining habe ich gemerkt: Es hat was gebracht. Ich bin mit 53 so gut wie mit 48 und 44.“ Doch er ist realistisch: Seit seinen Erfolgen von London 2012 und Rio de Janeiro 2016 hat sich die Konkurrenzsituation verändert. Chancengleichheit besteht aus seiner Sicht nicht mehr, wenn er auf der Bahn „gegen Chinesen antreten muss, die volle Muskelkraft haben“. Und auf der Straße, wo das Einzelzeitfahren lange Teubers Domäne war, „wurden Leute aus einer höheren Klasse, die dort schon Weltmeister waren, zu uns runtergezogen. Da gibt es drei, die mich geschlagen haben.“
Im 16-km-Einzelzeitfahren (am Dienstag in einer Woche) wird er gleichwohl um die Medaillen mitfahren, auf das Straßenrennen (2. September) freut Konditionswunder Teuber sich, „weil es mit fast 80 Kilometern und vielen Bergen das anspruchsvollste in der paralympischen Geschichte ist“. Die Bahn mit dem Drei-Kilometer-Verfolgungsrennen am Donnerstag sieht er als „Spielplatz – ich kann ohne Druck rangehen und mich einfahren“. Er hat wie die Frauen des olympischen Vierers eine Rennmaschine aus dem Forschungslabor des Berliner FES-Instituts bekommen und wird „Kopf runter mit 50 Sachen um die Bahn ballern“. 3:56 Minuten sind seine Bestzeit auf 3 km – er will sie angreifen.
Teuber glaubt, dass es gute Paralympics werden können. Seine Wettbewerbe sind außerhalb der Präfektur Tokio, da könnten Zuschauer kommen. „Und Olympia hat gezeigt: Der Wettbewerb ist durch Corona nicht beeinträchtigt, die Emotionen werden vielleicht sogar noch gesteigert, weil alle länger warten mussten.“ Er ist geimpft und fühlt sich sicher, „weil wir die am besten überwachte Gruppe auf dem Planeten sein werden.“
Teuber macht das volle Programm, er kann die ganze Zeit in Japan bleiben, alles mitnehmen. Er tut es im Gefühl, bestens vorbereitet zu sein. „Ich habe trainiert, so viel ich kann.“ Und er wird auch gewiss nicht gleich nach Tokio seinen Rücktritt erklären, er wird erst noch weiterfahren, denn: „Ich bin Lebenssportler.“