Am 25. August 1991 feierte Michael Schumacher sein Formel-1-Debüt in Spa. Sein damaliger Teamchef Eddie Jordan (68) berichtet unserer Zeitung, wie der Schumi-Stern aufging.
Herr Jordan, können Sie sich an Spa 1991 erinnern?
Und wie! Unglaublich, dass der erfolgreichste Pilot aller Zeiten bei mir angefangen hat. Dabei hätte es fast nicht geklappt…
Wie meinen Sie das?
Mein belgischer Pilot Bertrand Gachot saß in London im Gefängnis, also hatte ich zuvor eine Art Vorvertrag mit einem anderen belgischen Fahrer. Doch dann kam plötzlich Mercedes-Rennleiter Jochen Neerpasch mit der Idee, seinen Junior Michael Schumacher bis Ende der Saison fahren zu lassen. Ich verlangte Geld dafür, circa 150 000 Pfund. Jetzt kam also Michael nach Spa, und der Belgier ließ per Gerichtsbeschluss das Team pfänden. Zum Glück sprang Bernie Ecclestone ein und gab mir das Geld.
Sie ließen einen deutschen Sportwagenfahrer Ihr Auto fahren, ohne ihn zu kennen?
Nicht ganz. Der Test davor war ein Weltwunder.
Wie bitte?
Ja. Ich hatte eine solche Präsenz eines jungen Typen, ein solches Talent, einen so unglaublichen Speed, ein solches Selbstbewusstsein vorher nur einmal erlebt: bei Ayrton Senna. Mit beiden war es, als hätte man in einer dunklen Kammer plötzlich das Licht angeknipst. Michael fuhr mit einem alten Overall von John Watson auf Anhieb unglaubliche Zeiten.
Genauer bitte…
Wir haben Michael bei seinem ersten Test in Silverstone viele Runden gegeben, weil wir Angst hatten, dass er es nicht packen würde. Sein Renningenieur rief mich dann an und sagte: „Eddie, hier stimmt was nicht. Entweder die haben den Kurs verkürzt, oder dieser Junge ist unglaublich schnell.“
Und wie verlief das Spa-Wochenende?
Sensationell. Aber erst einmal hat er mich angelogen. Ich hatte ihn gefragt, ob er schon mal in Spa gewesen ist. Ich meinte natürlich, ob er da schon mal gefahren ist. Er sagte Ja. Okay, er hat nicht geschwindelt, aber Rennen gefahren war er da noch nie. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn nicht fahren lassen. Denn die schwerste Strecke überhaupt und noch ein neues Auto an einem Wochenende kennenzulernen, war meiner Meinung nach unmöglich. Sein siebter Startplatz war deshalb außergewöhnlich. Leider hat Michaels Rennen nur 500 Meter gedauert. Dann war die Kupplung verbrannt. Mein Fehler. Ich hatte am falschen Platz gespart. Bei seinem 300. Großen Preis, 20 Jahre später übergab ich ihm eine neue, symbolisch. Michael nahm mich in den Arm und sagte: Eddie, das hätte damals doch keiner gedacht, dass wir immer noch da sind. Mir standen die Tränen in den Augen.
Warum ist er nur ein Rennen für Sie gefahren?
Nach Belgien hatte sich Bernie Ecclestone in ihn verliebt. Und auch Neerpasch war der Meinung, Jordan wäre nicht das richtige Team für das Wunderkind. Er führte mich richtig vor. Er änderte nachträglich den Vertrag, indem er ein Wort austauschte. Ich hasste ihn damals, aber heute muss ich sagen: Ohne ihn und Mercedes hätte es Schumacher in der Formel 1 niemals gegeben. Jedenfalls wehrte ich mich mit Händen und Füßen. Doch Bernie hatte mich in der Hand, weil er mir ja 14 Tage zuvor das Geld gegeben hatte. Er sagte: „Eddie, ich brauche einen starken Deutschen, unbedingt, und mit Schumacher habe ich ihn. Er wird ab sofort Benetton fahren. Ich finde eine Lösung.“
Und die war?
Geld natürlich. Finanziell ging es uns nicht gut. Benetton oder hintenrum vielleicht sogar Mercedes kaufte Michael frei. Wenn man so will, hat Michael damit unsere Zukunft gesichert. Trotzdem ärgere ich mich. Weil nicht alles so war, wie behauptet wurde.
Nämlich?
Flavio Briatore ließ sich jahrelang als Schumacher-Förderer feiern. Der wollte ihn doch gar nicht, sondern lieber Martin Brundle. Nur auf Druck von Bernie hat er ihn genommen.
Interview: Ralf Bach