Das 6:0 – der neue Maßstab

von Redaktion

Wie es zur Steigerung des DFB-Teams kam und was Flick für Island plant

VON GÜNTER KLEIN

Stuttgart – 20 Spieler hat Hansi Flick in den WM-Qualifikationspartien gegen Liechtenstein (2:0) und Armenien (6:0) aufs Feld gebracht, Timo Werner und Niklas Süle haben jede Minute gespielt und sich gemäß dem Prinzip der Belastungssteuerung eine Pause verdient, Kai Havertz konnte nach einem grippalen Infekt nur leicht Rad fahren, bei Robin Gosens, am Donnerstag umgeknickt, lassen die Schmerzen im Fuß nach, sind aber noch zu spüren – früher wäre es bei der Nationalmannschaft nicht unüblich gewesen, dass nach zwei von drei Spielen einer Maßnahme der personelle Cut gesetzt wird und es auf die letzte Etappe mit reduziertem Aufgebot geht.

Doch nicht in diesem Fall, nicht zum Ende der ersten eineinhalb Wochen unter Hansi Flick. „Wir nehmen alle Spieler mit nach Island“, erläutert der neue Bundestrainer seine Planung. Am Dienstag um 15 Uhr ist Abflug nach Reykjavik, am Mittwoch (20.45 Uhr MESZ, RTL) wird angestoßen. Keine Kompromisse, es gilt jetzt dranzubleiben und in der Tabelle für Klarheit zu sorgen: dass man Chef ist in dieser Gruppe – was nach dem 1:2 gegen Nordmazedonien im Frühjahr noch unter Joachim Löw zu bezweifeln gewesen war.

Auch nach dem 2:0 am Donnerstag gegen Liechtenstein waren Bedenken artikuliert worden, ob das mit der angestrebten Erneuerung des DFB-Teams so ruckzuck funktionieren kann. Das 2:0 stand da wie der Kronzeuge diverser Thesen zu den Mängeln des deutschen Fußballs: keine Torjäger vorhanden, keine Außenverteidiger, alle ohne Selbstvertrauen. Doch das nachfolgende 6:0 gegen Armenien, bis dato Tabellenführer, lässt einen milderen Blick zu. Thilo Kehrer und Jonas Hofmann waren funktionstüchtige Außen, vorne präsentierte sich fast ein Überangebot an kreativen Vorbereitern und abgebrühten Vollendern.

Was ist die Wahrheit über das Leistungsvermögen der Mannschaft? Hansi Flick muss da kurz auflachen, er weiß, wie Wertungen zustande kommen und dass sie sich oft primär am Ergebnis orientieren. Im Liechtenstein-Spiel sah er mehr gut gemachte Dinge als der durchschnittliche Fernseh-Bundestrainer, doch natürlich brachte das zweite Spiel eine enorme Steigerung: „Wir haben Wert darauf gelegt, Räume freizuziehen und freizuspielen, und wir wollten zeigen, dass wir Präzision im Abschluss haben.“ Innenverteidiger Antonio Rüdiger befand: „Unser Timing war besser, wir hatten gute Spielzüge und schöne Tore.“ Und die fielen eben beizeiten. Mit den beiden Gnabry-Treffern nach einer Viertelstunde war klar, dass die Armenier keinen Zugriff finden würden. Dafür war ihr Gegner zu beschwingt. Die Atmosphäre in der Stuttgarter Arena mit 18 000 besetzten Plätzen bescherte Hansi Flick sogar „ein bisschen Gänsehaut“.

Die Vorstellung gegen Armenien erhob er nun zum „Maßstab für das, was kommt“. Der Vorsatz lautet: „Fußball spielen, der begeistert und Freude auf mehr macht.“

Was Flick vielleicht nicht gelingen wird, ist, alle Spieler im Kader mit Einsatzzeit zu versehen. Kevin Trapp, Nico Schlotterbeck, Lukas Klostermann, Mo Dahoud und Florian Neuhaus kamen noch nicht zum Zug. Und für Island wird der Bundestrainer seine Startelf nicht komplett umkrempeln.

Flick will trotzdem „alle mitnehmen“. Nicht nur nach Reykjavik, sondern grundsätzlich. Es kommt auch auf den Mannschaftsgeist an, das große Miteinander. Dass sich die Spieler am Freitag einen Film besorgt und Kinoabend veranstaltet hatten, sah er mit Wohlgefallen. Alles gut.

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