Der freundliche Spätstarter

von Redaktion

Robin Krasniqi boxte sich nach Entbehrungen zum WM-Titel – nun muss er ihn verteidigen

VON GÜNTER KLEIN

Gersthofen – Es ist nicht mehr lange hin bis zum 9. Oktober, dem Tag, an dem Robin Krasniqi (34) seinen 58. Profiboxkampf bestreiten wird. Seinen ersten als Weltmeister. Das späte Glück ist die Pointe einer Geschichte, die unter normalen Umständen früher geendet hätte. Mit einer der Niederlagen, von denen Krasniqi sechs kassiert hat in den 16 Jahren seiner Karriere im Ring. Aber sein Promoter, Ulf Steinforth aus Magdeburg, sagt: „Ich habe nie so gedacht. Das Kriterium für mich war: Kann er mithalten?“ Er fand: Ja, kann er. Den Beweis erbrachte Krasniqi vor einem Jahr: Er knockte den Halbschwergewichts-Champion Dominic Bösel aus. Jetzt muss er den Titel in Magdeburg verteidigen.

Es ist eine besondere Beziehung, die Steinforth, der in der DDR aufwuchs, und Krasniqi, der als Jugendlicher aus dem Kosovo nach München kam und dort mit Boxen anfing, verbindet. Die gemeinsame Geschichte beginnt 2007. Steinforth war einer der Organisatoren des Comeback-Kampfs von Henry Maske gegen Virgil Hill. „Es gab einen Mann, der den Ring in der Münchner Olympiahalle aufgebaut hat, der hat uns den Robin ins Vorprogramm reingesungen“, erzählt Steinforth. Besagter Mann war der Münchner Trainer und Promoter Roland Suttner, Besitzer der „Boxfabrik“, in der Krasniqi trainierte.

Steinforth war offen für den ihm unbekannten Krasniqi, der damals noch Haxhi als Vornamen führte und 14 Kämpfe in kleineren Hallen und bayerischen Bierzelten hinter sich und zwei bereits verloren hatte. Ihn irritierte aber das Gebaren des Managers Suttner: „Er hat für seinen Schützling den gleichen Status verlangt wie für Henry Maske. Mit Sofa in der Kabine. Wie für einen Superstar aus der Musikbranche.“ Krasniqi wusste nichts von diesem Geplänkel, es war nicht in seinem Sinne. Er bekam natürlich kein Sofa, gewann seinen Kampf, Steinforth fand ihn boxerisch interessant, lernte die Familie kennen, die in München einen Obst- und Gemüsehandel aufgebaut hatte. Er holte Krasniqi, der sich später den leichter vermarktbaren Vornamen Robin gab, zum Sparring mit dem damaligen Star Robert Stieglitz – und schließlich siedelte der junge Münchner Boxer nach Magdeburg um, wo er für Steinforths SES Promotion an den Start ging.

Krasniqi stieg in den Ranglisten auf, 2013 bekam er die erste WM-Chance. In Wembley unterlag er dem Briten Nathan Cleverly. Der war, so Steinforth, „der damals beste Mann, aber Robin ist über zwölf Runden gegangen. Diese Niederlage war wie ein Sieg“. Weil Krasniqi aber auch Titelkämpfe gegen Jürgen Brähmer (2015) und Arthur Abraham (2017) verlor, schwand der Glaube des Box-Publikums an ihn. 2018 boxte er in Bad Tölz gegen den Russen Stanislaw Kaschtanow, die Fachwelt ging von einer Niederlage aus – Steinforth gab Krasniqi am Abend davor noch einen neuen Vertrag. Krasniqi gewann.

Kein anderer Boxer in Deutschland habe solche Entbehrungen auf sich genommen, glaubt Steinforth. Im Gegensatz zu anderen Boxprofis, die zwischen ihren Kämpfen monatelang nichts tun, trainiert Krasniqi, der in Gersthofen bei Augsburg ein eigenes Gym betreibt, täglich. Die Hälfte der Zeit verbringt er bei Konditionstrainer Sepp Maurer im Bayerischen Wald. Auch für den war die erste Begegnung mit Krasniqi vor neun Jahren eher befremdlich. „Robin ist ein stylisher Typ. Er kam bei mir an in seiner schwarzen Lederjacke, hat mit seinem iPhone rumgespielt – und ich dachte: „Mit dem werd’ ich nie warm.“ Es kam anders. Die Freundschaft ist so tief, „dass meine Mama ihm ihren Garten zeigt, das macht sie mit niemandem. Und Robin tut so, als würde es ihn interessieren.“ Im Ernst: „Wenn er auf seiner Laufrunde durch Neukirchen beim Heiligen Blut ist, feiern ihn die Leute.“ Sie mögen den freundlichen Menschen, zu dem Ulf Steinforth gerne auch seine Gattin zitiert: „Sie sagt: .Robin ist der einzige deiner Boxer, der sich nach dem Kampf immer bei dir bedankt.’“ Egal ob Sieg oder Niederlage.

Wobei Krasniqi das mit dem Verlieren nicht noch einmal austesten will. „Robin“, verspricht Konditionstrainer Sepp Maurer, „wird auf Megatopniveau sein.“

Artikel 1 von 11