Wenn die Hochrechnung kommt

Der Sport und die Politik

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Am Sonntag um 18 Uhr läuft zwar auch die Fußball-Bundesliga (Freiburg – Augsburg), wird in drei Hallen der Deutschen Eishockey Liga gespielt und steigen die Basketballer von Bayern München und Ulm hoch, um das Spielgerät herunterzupflücken – doch vermutlich wird in den Arenen auf den Zuschauerrängen ins Smartphone geguckt. Und für den Rest des Abends wird es ein bisschen egaler sein als sonst, was der Sport zu bieten hat. Am Sonntag ist Bundestagswahl, die Beteiligung der Bevölkerung ist höher als die deutsche Zuschauerschaft bei einem WM-Finale – wir werden (vorübergehend) weniger Bundestrainer als Bundeskanzler haben, die sich ab der Prognose und ersten Hochrechnung um die Regierungsbildung kümmern, als wäre sie das „kicker“-Managerspiel.

Politik war in den vergangenen Monaten des Wahlkampfs ein noch verminteres Feld als der hochemotionale Sport, darum haben sich auch nur wenige, die wir aus den Stadien kennen, für die Belange einer Partei einspannen lassen. Die beiden Dortmunder Borussen Roman Weidenfeller und Patrick Owomoyela sind nach dem dritten Fernseh-Triell Gäste auf Armin Laschets Party gewesen (haben also die Promi-Stellen von Leslie Mandoki und Uschi Glas, Beistände eine Woche davor, übernommen) – und orientiert man sich an den Umfragen, werden die beiden BVBler wieder einmal Vizemeister. Uli Hoeneß wünschte sich in einem Furor über Vermögenssteuer-Pläne Die Linke „bei 4,9 Prozent“, was er aber wohl nicht erreichen wird. Ulis Einfluss lässt nach, die Piratenpartei („Witzpartei“) hatte er einst noch versenkt.

Einige aus dem Sport haben es geschafft, sich im vergangenen, auch von Corona bestimmten Jahr aus dem demokratischen Spektrum und der Wertschätzung ihres Publikums zu verabschieden. Thomas Berthold verschrieb sich der Querdenken-Bewegung und kündigte einen Umsturz an (da der nicht stattfand, muss Berthold aber wieder auf den Golfplatz gewechselt sein), Carsten Ramelow bandelte mit einem rechtspopulistischen Blogger an, was viele Fußballprofis für befremdlich halten, weil Ramelow immer noch Vizepräsident der Spielergewerkschaft vdv ist. Der Basketballer Joshiko Saibou wähnte sich in einer Diktatur (vertrat sie aber bereitwillig bei den Olympischen Spielen). Katarina Witt fühlte sich in die DDR zurückversetzt (in der kaum jemand privilegierter war als sie). Der frühere Münchner Triathlon-Held Faris Al-Sultan berauscht sich an rechtslastigen Schwurbler-Accounts im Internet. Einige frühere Stars der Kategorie Leibesübung standen, so schien es, in einem bemerkenswerten Aufmerksamkeitswettkampf mit den Tatort-Kommissaren.

Einer der vernünftig gebliebenen Größen des Sports zieht übrigens als aussichtsreicher Kandidat in die Bundestagswahl: Frank Ulrich für die SPD in Thüringen. Er tritt im Wahlkreis gegen den auch der CDU peinlichen Hans-Georg Maaßen an. Zweikampf ums Direktmandat. Frank Ullrich ist Biathlon-Olympiasieger. Wettkampftyp. Wir tippen auf Gold. Politik ist ja auch Sport.

Guenter.Klein@ovb.net

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