Das Thema hatte vor einigen Wochen eine selten zu erlebende emotionale Wucht. Die Welt erschrak angesichts der Bilder aus Afghanistan: Wie Menschen versuchten, in den Airport von Kabul zu kommen, sich an Flugzeuge klammerten und vom Himmel fielen. Das Versagen der deutschen Regierung, die etliche ihrer Ortskräfte nicht wie versprochen aus dem Land herausholen konnte, das die Taliban übernommen hatten, ließ uns an den Grundfesten von Menschlichkeit und Verantwortung zweifeln. Auch jetzt noch, nachdem uns der Alltag (Corona-Diskussionen, Sondierungen) wiederhat, fragen wir: Was wird aus all jenen, die noch in Afghanistan und dort der Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt sind? Insofern hat die Nachricht, die am Freitagvormittag aus Zürich versendet wurde, etwas Gutes: „FIFA hilft bei der Evakuierung von Flüchtlingen.“ Der Fußballweltverband hat es erwirken können, dass „fast 100 Mitglieder der Fußballfamilie“ ausgeflogen werden konnten. Dass die FIFA zuerst denen beisteht, die ihr auf besondere Weise verbunden sind – okay.
Doch jede Zeile der FIFA-Mitteilung ist auch bestimmt von PR-Politik, von Berechnung. Wir zitieren: „. . . nach komplexen Verhandlungen mit Unterstützung von Katar“, „. . . bedankt sich bei der Regierung von Katar“, „. . . sichere Beförderung mit einem Charterflug von Qatar Airways von Kabul nach Doha“, „100 Mitglieder. . . darunter auch Spielerinnen“. In einer weitergehenden Erläuterung verweist die FIFA noch darauf, dass die Evakuierten in Katar vorläufig in Einrichtungen für die WM 2022 untergebracht würden.
Wird ein humanitärer Erfolg sogleich instrumentalisiert? Und nicht nur, um die FIFA, die seit Joseph Blatters Zeiten glaubt, sie müsste ein Anwärter auf den Friedensnobelpreis sein, ins beste Licht zu rücken, sondern vor allem, um die WM-Vergabe nach Katar und alles, was damit in zwielichtigem Kontext steht, zu rechtfertigen. Neben den bereits bekannten Menschenrechtsverletzungen auf den WM-Baustellen war zuletzt ja auch wieder offensichtlich geworden, dass in Katar auch einige Financiers des internationalen Terrors sitzen.
Um jedes Leben, das gerettet wird, muss man froh sein. Unbehagen über die (Neben-)Motive dieser Aktionen darf man allerdings auch empfinden.
Guenter.Klein@ovb.net