Obwohl der Spanier Fernando Alonso 2005 und 2006 mit Renault „nur“ zwei WM-Titel gewann, wird er von den Experten in einem Atemzug mit Juan-Manuel Fangio, Jim Clark, Ayrton Senna, Michael Schumacher und Lewis Hamilton als einer der besten Rennfahrer aller Zeiten genannt. Grund: Alonso hätte locker fünf Mal den Titel gewinnen können. 2007 verhinderte eine merkwürdige Stallregie bei McLaren den Erfolg, 2010 und 2012 ein unterlegener Ferrari den Titel. Dazu kommt: Der Spanier errang seine 32 GP-Siege mit drei verschiedenen Marken (Renault, McLaren und Ferrari) und drei verschiedenen Motoren (Mercedes, Renault und Ferrari). Das gelang nur dem legendären Manuel Fangio. Unsere Zeitung unterhielt sich mit dem Spanier, der heute mit 40 Jahren in der Königsklasse mit seinem Alpine-Renault immer noch Weltklasseleistungen bringt.
Fernando Alonso, Max Verstappen hat sich als großer Fan von Ihnen geoutet. Macht es Sie stolz, dass junge Supertalente wie Verstappen, die gerade um den Titel fahren, so etwas sagen?
Ja, das ist nett zu hören. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Ich habe schon im letzten Jahr gesagt, als Max noch nicht um den Titel gefahren ist und ich gerade eine Formel-1-Pause machte: Ich schaue mir nur wegen zwei Fahrern die Rennen an – wegen Max und wegen George Russell. Weil das die beiden Fahrer sind, die speziell sind, die den Unterschied machen. Die mehr aus der eigentlichen Leistungsfähigkeit ihrer Autos herausholen. Der Rest der Piloten fuhr nur die Resultate ein, die dem Können der Autos entsprach.
Russell und Verstappen sind wesentlich jünger als Sie. Trotzdem bringen Sie auch mit 40 Jahren noch Weltklasseleistungen. Wie machen Sie das?
Das hat mit der Eigenart der Formel 1 und des Motorsports zu tun. Wir reden nicht von Fußball, Tennis oder Basketball. Da wäre das kaum möglich. Motorsport ist nicht so sehr altersabhängig. Was wichtig ist: Du musst fit sein, du musst motiviert sein. Beides bin ich. Nach den zwei Jahren Pause kommt bei mir noch einmal eine frische Energie dazu. Ende 2018 waren meine Batterien ziemlich leer, ich fühlte mich ausgelaugt. Ich hörte auf, auch weil ich keine richtige Freude mehr spürte. Im Gegensatz zu heute.
Was wäre möglich, wenn Sie in einem Mercedes oder Red Bull fahren würden?
Das ist schwierig zu beantworten. Aber ja, ich würde mir zutrauen, um den Titel zu fahren. Aber Lewis Hamilton und Max Verstappen machen einen Superjob in ihren Teams. Deshalb gibt es keine klare Antwort darauf.
Warum glauben Sie, dass Sie heute sogar besser sind als 2005/2006, als Sie Ihre beiden WM-Titel gewonnen haben?
Hauptsächlich, weil ich heute erfahrener bin. Ich weiß besser, was ein Auto im Rennen braucht, um schneller zu sein. Ich kann heute besser mit Druck umgehen. Ich weiß mittlerweile viel besser, wie man sich optimal auf ein Rennwochenende einstellt und vorbereitet. Wichtig ist auch, wie man 100 Prozent alles aus dem Auto und dem Team herausholt. Das hat viel mit Erfahrung zu tun. Dabei lerne ich in meinem Comebackjahr jedes Wochenende dazu. Zum Beispiel bin ich noch nicht perfekt im Qualifying, wenn es darum geht, den optimalen Grip mit den Reifen zu spüren. Da bin ich vielleicht im Moment bei 80 Prozent. Im nächsten Jahr sollte es nahezu perfekt sein.
Was würden Sie heute anders machen als 2007, als Sie bei McLaren nur deshalb nicht Weltmeister wurden, weil Sie das Team nicht unterstützt hat?
Ich wäre heute egoistischer. Ich war zu blauäugig. Ich glaubte zu sehr an Gerechtigkeit, an Fairness. Zu sehr an das Gute im Menschen. Am Ende stand ich alleine da im Team, weil alle anderen nur an sich dachten.
Kommen wir zurück auf die Jahre 2005 und 2006. Sie waren der Erste, der Michael Schumacher mit gleichwertigen Waffen schlagen konnte. Wie wichtig war das für Sie?
Das war sehr speziell. Weil wir als Team immer stärker wurden. 2003 war schon gut, 2004 war noch besser, 2005 waren wir dann soweit. Ich war damals 24 Jahre alt und konnte die Legende unseres Sports besiegen. Das war früher, als ich erwartet hätte. Und es war nicht leicht, damit umzugehen. Mein ganzes Leben änderte sich auf einen Schlag. In diesem Alter kann man noch nicht mit all den Emotionen umgehen, die auf dich einprasseln. Und das jedes Wochenende.
Was hat Michael Schumacher Ihnen gesagt, als Sie ihn zweimal schlagen konnten?
Er war immer nett zu mir, wir hatten eine Menge Respekt voreinander. 2006 war er sehr emotional nach dem letzten Rennen, da es ja sein vorerst letztes Rennen in der Formel 1 damals war. Aber trotzdem hat er mir immer das Gefühl gegeben, dass er mir meinen Erfolg von ganzem Herzen gönnt und ich den Titel genießen soll.
Wie ist es dann heute, wenn Sie mit seinem Sohn Mick fahren? In Imola hat er ganz stolz erzählt, dass er ein tolles Duell mit ihnen hatte und Erinnerungen in ihm hochkamen, da Sie ja auch mit seinem Vater gerade in Imola heftige Zweikämpfe hatten.
Es ist in der Tat etwas Besonderes, ihn in der Formel 1 zu haben. Er hat beispielsweise die gleichen Kürzel wie sein Vater auf dem Zeitenmonitor, das gefällt mir sehr. Ich mag Mick sehr, ich mag seine Art, ich mag sein ganzes Auftreten in der Formel 1. Er erinnert mich sehr an seinen Vater. In der Körpersprache, in der Mimik, in fast allem. Ich kann ihm nur wünschen, dass er bald ein konkurrenzfähiges Auto haben wird. Dann wird er seinen Weg gehen.
Sie haben eine Sache mit dem zweiten deutschen Formel-1-Fahrer gemein. Obwohl Sie und Sebastian Vettel hochdekorierte Champions sind, konnten Sie mit Ferrari nicht Weltmeister werden. Haben Sie darüber mal mit ihm geredet?
Nein. Obwohl wir öfters enge Kämpfe hatten, als ich im Ferrari und er im Red Bull unterwegs war. Wir haben es beide mit Ferrari versucht und es nicht geschafft. Aber Ferrari war zu unseren Zeiten noch nicht bereit, einen Weltmeister im Cockpit zu haben. Jetzt haben sie ihre Planung umgestellt. Die Erwartungshaltung ist nicht mehr so hoch, sie fahren mit jungen Piloten. Sie denken nun eher in längeren Perioden, nicht mehr so kurzfristig.
Interview: Ralf Bach