Dortmund – Erling Haaland gab buchstäblich sein letztes Hemd. Mit einem überglücklichen Flitzer im Arm tanzte der kolossale Tor-Gigant der Liga am Samstag zum „Spitzenreiter“-Chor durchs Stadion, er schenkte dem Fan unter Riesenjubel sein Trikot, er posierte noch für ein Selfie – und er peitschte die Stimmung auf der Gelben Wand zum Orkan hoch. Das Stadion war auch schon wieder zu gut drei Vierteln gefüllt.
Borussia Dortmund hat sein Phänomen zurück, und damit die Hoffnung, dem seit neun Jahren übermächtigen Rivalen Bayern München endlich mal wieder richtig Feuer unterm lederbehosten Hintern zu machen. Meister? So? Ja, warum denn eigentlich nicht? „Die Kampfansage macht ihr doch schon“, sagte Sportdirektor Michael Zorc den Journalisten lachend, „das brauchen wir doch nicht zu machen.“
Die Tabellenführung war zwar nur eine über Nacht, denn am Sonntag holte Bayern München sie sich in Leverkusen zurück, so richtig wichtig ist diese aber auch so früh in der Saison nicht. Wichtiger: Da ist eine Mannschaft, die getrieben von ihrem alles überstrahlenden Mentalitätsmonster Höheres erreichen will.
„Es war einfach für mich, die Fans waren eine so große Motivation“, sagte der zurückgekehrte Doppeltorschütze (54., Handelfmeter/90.+4) Haaland im norwegischen Fernsehen, „es ging darum, meinen Körper in Form zu bekommen. Mental war ich bereit.“
Und wie. Selbst, nachdem er in der Nachspielzeit die Entscheidung herbeigeführt hatte, stürmte er trotz wochenlanger Pause wegen einer Oberschenkelprellung noch auf seinen Gegenspieler zu, als hänge sein leben davon ab. Erling Haaland ist torhungrig wie ein Bär vor dem Winterschlaf. „Er wollte unbedingt spielen, aber hundert Prozent fit oder schmerzfrei ist er noch nicht“, berichtete sein Trainer Marco Rose.
Dass die Mannschaft es sich nach früher Führung durch Marco Reus (3.) und recht gemütlicher Spielkontrolle „wieder einmal selbst schwer machte“, hinderte den in diesem Punkt verärgerten Rose daran, Haaland wenigstens partiell zu schonen. „Wenn wir achtmal hätten wechseln können, hätten wir ihn irgendwann rausgenommen“, sagte Zorc.
Aber auch erst dann. Denn, nicht zu unterschätzen: Die Heim-Supermacht BVB (saisonübergreifend neun Siege in Serie) benötigt ihren Ausnahmestürmer auch vor dem eigenen Tor.
„Wir brauchten ihn bei Standards, um hinten abzuräumen“, sagte Rose, besonders nach dem Anschlusstreffer durch Jonathan Burkardt (87.). „Und dann macht er dir auch noch immer mal wieder ein Tor in der 94. Minute.“
Sagenhafte 49 Tore in ebenso vielen Bundesligaspielen hat Haaland erzielt, neun in dieser Saison, in der man am Wochenende erst den achten Spieltag schrieb. Dabei hatte der 21-Jährige zwei Spiele wegen einer schmerzhaften Oberschenkelprellung verpasst.
„Ich liebe es“, sagte Haaland, der nicht mehr aufhören wollte zu jubeln, „es ist ein fantastisches Gefühl.“ In den kommenden Wochen mit wichtigen Spielen im Drei-Tages-Takt wird es schwierig, Haaland in Watte zu packen. „Auf Erling müssen wir aufpassen“, sagte Rose. „Aber es war nicht an der Zeit, ihn zu schonen.“
Die Frage ist, ob die Zeit überhaupt kommen wird, solange Haaland da ist. sid