EHC in Not – die große Eishockey-Solidarität

von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

München – Am Freitag vor einer Woche hat der EHC München zuletzt gespielt, alle Termine seitdem wurden verlegt, nun auch das für Sonntag angesetzte Heimspiel gegen die Eisbären Berlin. Nach zunächst 14, dann 16 positiven Tests in der Mannschaft (plus mittlerweile sechs im Betreuerteam) und aufgrund einiger Verletzungen hätte der EHC sich schwergetan, eine spielfähige Mannschaft zusammen zu bekommen. Wer noch zehn Feldspieler und einen Torwart hat, müsste laut den Regeln der Deutschen Eishockey Liga (DEL) antreten. Die Partie, die am vergangenen Sonntag gegen Nürnberg gewesen wäre, wurde von der Liga abgesetzt, da alle Münchner vom Gesundheitsamt erst einmal in Quarantäne geschickt worden waren. Am Mittwoch galt diese jedoch für nicht positiv getestete und geimpfte Spieler nicht mehr, die Adler Mannheim hätten darauf bestehen können, dass der EHC antritt. Doch Mannheim nahm Rücksicht auf die Nöte des Meisterschaftsrivalen und bot eine Neuansetzung zu einem späteren Zeitpunkt an. Ebenso Aufsteiger Bietigheim Steelers (Freitag) und die Eisbären Berlin (Sonntag).

„Wir wollen einen fairen Wettkampf und sportlichen Spielbetrieb“, sagt Eisbären-Sportdirektor Stephane Richer. Und klingt damit so ähnlich wie Mannheims Manager Jan-Axel Alavaara und Bietigheims Geschäftsführer Volker Schoch. Christian Winkler, der Sportchef beim EHC München, kommt aus dem Danksagungs-Modus nicht mehr heraus. „Wir stoßen auf breites Verständnis und unglaubliche Kooperationsbereitschaft, auf ehrlich gemeinte Hilfsbereitschaft. Hierfür ein, wie man bei uns in Bayern sagt, Vergelt’s Gott.“

„1:0 für Mannheim“, meinte unter der Woche ein Funktionär aus der Liga mit gewissem Amüsement. Zwar kann als gesichert gelten, dass Adler-Trainer Pavel Gross überhaupt kein Interesse hatte, den wehrlosen Gegner, der München am Mittwoch gewesen wäre, abzuschießen, doch Mannheims Generosität entfaltet besondere Wirkung, wenn man weiß, wie feindselig EHC und Adler sich schon gegenüberstanden. Die Playoff-Halbfinalserie 2018 mit dem schweren Foul des Münchners Steve Pinizzotto am Mannheimer Mathias Plachta verschlechterte die Beziehung zwischen den beiden Clubs massiv. Die Geschäftsführer Rene Dimter (München) und Daniel Hopp (Mannheim), der Pinizzotto nur noch „die Nummer 14“ nannte, begegneten sich mit offener Verachtung. 2018 wurde München Meister, 2019 Mannheim, in der abgebrochenen Corona-Saison 19/20 führte der EHC nach der Hauptrunde vor den Adlern. 2021 der Transfercoup: München spannte Mannheim Kapitän Ben Smith aus, die Pressemitteilung, die diese Personalie verkündete, hatte Tiefschlag-Charakter. Nun punktet Mannheim – mit Fairness.

Der EHC München mit dem Red-Bull-Konzern im Rücken und im Handelsregister ist an den meisten DEL-Standorten das Fan-Feindbild Nummer eins – allerdings erfahren die Münchner auf Funktionärsebene durchaus Wertschätzung. Mit dem Einstieg von Red Bull 2012 trat auch der der österreichischen Getränkefirma gehörende Sender Servus TV auf die deutsche Eishockey-Bühne, die Liga bekam einen damals für sie interessanten Fernsehvertrag und attraktive Übertragungen. 2019 gratulierten alle Mitbewerber dem EHC München zum formidablen Abschneiden in der Champions Hockey League (Finaleinzug), in Ligenversammlungen wird die unkomplizierte Art von Christian Winkler geschätzt und – mittlerweile – auch seine Transferpolitik. An interessante Spieler der Konkurrenz tritt München seltener heran als noch vor ein paar Jahren; Importspieler holt der EHC meist aus dem Ausland, junge Deutsche zieht er in seiner Akademie bei Salzburg selbst heran. Und denen, die es in München nicht schaffen (Andy und Tobias Eder, Emil Quaas, Joachim Ramoser, Kevin Reich, John Rogl), legt er bei Wechselwünschen keine Steine in den Weg.

Und vor allem hat das Thema Corona alle Clubs der DEL zusammengebracht. Der EHC München bemerkte, als neben ihm im September und Oktober 2020 kaum ein Verein trainierte, dass er auch die sportlich und wirtschaftlich schwächeren Vereine braucht. München war froh, als Mitte Dezember das komplette Teilnehmerfeld für eine Saison stand, und die anderen 13 freuten sich, dass der EHC geduldig gewartet hatte. Der Preis der langen Münchner Saison mit einer letztlich vier Monate langen Vorbereitung war das Playoff-Viertelfinal-Aus einer mental ermatteten Mannschaft.

Den anderen in der Liga ist bewusst: Der EHC hatte mit seinem gewaltigen Corona-Ausbruch gigantisches Pech, und das kann jeden treffen. Aktuell hat es die Düsseldorfer EG erwischt, die am Wochenende nicht spielen kann. „Wir befinden uns leider immer noch in einer Pandemie, die sämtliche Planungen von heute auf morgen zunichtemachen kann“, sagt Stephane Richer von den Eisbären Berlin. Wahrscheinlich kommt der Tag, an dem ein anderes Team den Münchnern für ihr Entgegenkommen danken muss.

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