Geht es um die fiktive Frage, was für die Gesellschaft relevanter sei, die Kultur oder der Sport, wird kaum ein gebildeter Mensch behaupten, das sei der Sport. Bestimmt nämlich würde er als Prolet und Kulturbanause gescholten und ziemlich schief angesehen. Jetzt hat unsere Politik ein recht salomonisches Urteil gefällt, Kultur und Sport sind gleich unwichtig. Zumindest wurden beide in der tristen Corona-Zeit als kaum relevant eingestuft und erst mal ganz weit nach hinten geschoben bei Öffnungen und Erleichterungen. Wobei der Kulturbeflissene nun auf den Profifußball deuten wird, dem für viele viel zu früh wieder alle Möglichkeiten eröffnet wurden.
Wer daraus aber nun den Schluss zieht, der Sport sei für die Gesellschaft relevanter, sieht dabei wohl nur den Sport, der einen milliardenschweren Wirtschaftszweig darstellt. Wer aber über den Tellerrand des Profifußballs hinausschaut, sieht, dass es nicht erst seit Corona eine dicke Diskrepanz gibt zum Rest. Der „Spiegel“ hat gerade nach den Gründen gesucht, weshalb Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio so schlecht wie seit 1952 nicht mehr abgeschnitten hat. Und daraus die Frage abgeleitet, wie wichtig unserer Gesellschaft der Sport wirklich ist.
Fühlen wir uns jetzt schlechter, weil wir weniger Medaillen als Italien und nur eine mehr als Holland geholt haben? Müssen wir immer besser sein? Müssen wir mehr Finanzmittel investieren (die dann vielleicht der Kultur fehlen), um den Anschluss nicht zu verlieren? Dann bräuchten wir auch ein besseres Fördersystem und müssen die Frage beantworten, ob wir einen Weltmeister im Kanuslalom oder einen Olympiasieger im Judo, die wegen des Sports Beruf und Ausbildung zurückstellen mussten, während und vor allem nach ihrer Karriere finanziell besser absichern müssen. Wollen wir weiter oben mitmischen, sollten wir das tun.
Aber reicht das? Kaum, wie Sportwissenschaftler befürchten, die schon seit Jahren auf ein tiefer liegendes Problem hinweisen und die Ursachen im Bewegungsmangel der Kinder und Jugendlichen sehen. Grundlegende Bewegungselemente würden nicht mehr beherrscht, steht in einem Arbeitspapier, darum werde sich zu wenig gekümmert, es mangle an motorischen Grundfähigkeiten. Gerade bei den Kleinen lässt sich gut erkennen, welch geringe Wertigkeit der Sport in unserer Gesellschaft hat. Zwar wollen fast alle internationale Erfolge, Politiker posieren bei Anlässen wie Sportlerehrungen nur zu gerne mit Olympioniken und schmücken sich mit deren Ruhm. Kümmern sich aber kaum um die Basis, die solche Erfolge möglich macht.
Wie wichtig ihnen der Sport ist, hat Corona deutlich gezeigt. Neulich hat die Deutsche Olympische Gesellschaft in München die Frage nach der Relevanz des Sports gestellt, und es kamen viele Klagen über die teils wirren, oft unlogischen und manchmal auch völlig absurden Bestimmungen, die zwar Fußballprofis erlaubten, quer durch die Welt zu jetten, aber Kindern untersagten, sich auf dem Bolzplatz zu treffen. Natürlich galten auch hier zunächst mildernde Umstände, weil ja keiner wusste, wie sich die Pandemie entwickeln würde und welche Maßnahmen nun richtig sind. Klar aber wurde, dass der (Breiten-)Sport in seiner Bedeutung ganz weit hinten angesiedelt war, zusammen mit der Kultur.
Noch wird das keine größeren Auswirkungen haben auf die Medaillenausbeute bei den nächsten Olympischen Spielen, wenn aber Deutschland in Zukunft den Anschluss nicht völlig verlieren will, muss viel passieren. Wenn wir groß denken, müssen wir bei den Kleinen anfangen, hat der einstige Biathlon-Olympiasieger Frank Ullrich gesagt. Der wurde gerade in den Bundestag gewählt. Schön wäre, seine Stimme würde dort gehört.
Im Sport jenseits des Profifußballs muss Deutschland aufpassen, dass es nicht den Anschluss verliert