München – Es kommt ja eher selten vor, dass beim FC Bayern das, was nach Schlusspfiff geschieht, mehr Schlagzeilen liefert als das Spiel selbst. Am Samstag war das aber der Fall. Mit Spannung – und vor allem Neugier – erwarteten nicht nur die Anhänger des Rekordmeisters die Argumentation hinter der Impfskepsis eines Spielers, von dem die große Mehrheit in der Republik zu sagen pflegt, dass er viel mehr sei als ein simpler Kicker. Eine Art Vorbild. Jemand, der über den Tellerrand hinausblickt. Der seine Mitmenschen inspirieren kann. Und so trat der 26-jährige Kimmich, eingepackt in dicker Stadionjacke und mit ernster Miene, wie angekündigt nach Abpfiff vor das Sky-Mikrofon und stellte sich der Frage, die viele nicht nachvollziehen können. Warum lässt du dich nicht impfen, Joshua?
Gut fünf Minuten später war klar: Kimmichs Haupt- und eigentlich auch einziger Grund gegen den Piks sind mögliche Langzeitfolgen. „Ich will einfach für mich warten, was Langzeitstudien angeht“, stellte der Nationalspieler klar, schob aber nach: „Trotzdem bin ich mir meiner Verantwortung bewusst. Ich halte mich natürlich an die Hygienemaßnahmen. Es ist auch so, dass wir ungeimpften Spieler im Verein alle zwei bis drei Tage getestet werden.“ Laut „Bild“ handelt es sich dabei um Serge Gnabry, Jamal Musiala, Eric Maxim Choupo-Moting und Michael Cuisance.
Diese Tests, verrät Kimmich, bezahle nach wie vor „zum Glück“ sein Arbeitgeber, der FC Bayern. Aber: „Falls das nicht mehr so wäre, würde ich das natürlich selber bezahlen“, unterstrich der Mittelfeldspieler, der Teil jener 33,9 Prozent der deutschen Bevölkerung ist, die sich noch nicht gegen Corona haben impfen lassen.
Auch beim Gros seiner Münchner Mitspieler scheint diese Haltung nur auf bedingtes Verständnis zu stoßen. „Als Freund ist das eine absolut akzeptable Entscheidung. Als Teamkollege, wenn man auf das schaut, was für alle drumherum vielleicht besser wäre, ist zumindest die wissenschaftliche Meinung und auch meine Meinung, dass das Impfen besser wäre“, sagte Thomas Müller. Kapitän Manuel Neuer stellte klar: „Ich habe mich impfen lassen und denke, dass es für uns auch alle unabdingbar ist, dass wir heute so viele Zuschauer in der Arena (60 000, d. Red.) hatten.“ Bayerns Vorstandsvorsitzender a.D. Karl-Heinz Rummenigge appellierte bei „Bild“ überdies an die „Vorbildfunktion Kimmichs“.
Dieser hat – offensichtlich – eine andere Meinung. Auch wenn er nicht ausschließt, sich in Zukunft noch impfen zu lassen, will das deutsche Fußballaushängeschild nicht in eine Schublade gesteckt werden. Im Klartext: „Es ist jetzt nicht so, dass ich Corona-Leugner oder Impfgegner bin. Das finde ich immer so ein bisschen schade, wenn’s um die Debatte geht. Es gibt nur noch ‚geimpft’ oder ‚nicht geimpft’. Und ‚nicht geimpft’ bedeutet dann oftmals gleich, dass man irgendwie Corona-Leugner oder Impfgegner ist. Aber ich glaube, es gibt auch ein paar andere Menschen zu Hause, die einfach ein paar Bedenken haben.“
Die Frage ist: Sind diese Bedenken überhaupt berechtigt? Im Falle der von Kimmich gefürchteten Langzeitfolgen sagen die Experten Eindeutiges: „Generell ist es bei Impfstoffen so, dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auftreten, in seltenen Fällen auch mal nach Wochen. Langzeit-Nebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfstoffen generell nicht bekannt“, so Biochemie-Professor Klaus Cichutek, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts. Wissenschaft lässt keine Skepsis zu. Sie widerlegt sie. Sie schafft (kostbares) Wissen.