Kanters Kritik an China

Ein Sportler zeigt Rückgrat

von Redaktion

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

Die Kritikfähigkeit von Regimen lässt sich perfekt am Beispiel Enes Kanter ablesen. Der 29-Jährige spielt in der NBA für die Boston Celtics. Kanter konzentriert sich aber nicht allein auf den Basketball, sondern macht auf Missstände aufmerksam. Etwa in seiner Heimat, der Türkei. Mehrfach kritisierte er die Führung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die Folge: der türkische Pass soll Kanter schon 2017 entzogen worden sein, die türkische Staatsanwaltschaft forderte die Auslieferung des Stars. Im selben Jahr wurde der Vater Kanters verhaftet. „Hallo Welt. Mein Vater ist von der türkischen Regierung und dem Hitler unseres Landes verhaftet worden. Er wird potenziell gefoltert werden, wie tausende andere“, twitterte Kanter, der nach eigenen Angaben regelmäßig Morddrohungen erhält, per Haftbefehl gesucht wird und deshalb nicht an NBA-Spielen außerhalb Amerikas teilnehmen konnte.

Doch die Konsequenzen scheinen den mündigen Athleten nicht davon abzuhalten, weiter auf menschenverachtendes Verhalten aufmerksam zu machen. Kanter fordert nun, dass Peking die Rolle als Gastgeber der anstehenden Winterspiele entzogen werden muss. Kanter sprach von „moderner Sklaverei“ und nannte den chinesischen Präsidenten einen „brutalen Diktator“. Die Reaktion Chinas: Während eines Spiels, in dem Kanter Schuhe mit einem Tibet-Slogan trug, stoppte der Internetdienst Tencent die Übertragung. Das Außenministerium in Peking warf dem Sportler vor, nur Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Ja, und das völlig zurecht. Denn die Vorwürfe lassen sich doch mit Fakten belegen. Etwa eine Million Uiguren müssen in sogenannten Umerziehungslagern leiden. Tibeter werden unterdrückt, inhaftiert und sogar getötet. Erst am 19. Januar 2021 starb ein 19-jähriger Mönch nach jahrelanger Misshandlung durch chinesische Beamte.

Doch anscheinend liegt es an den Sportlern, diese Missstände anzusprechen. Von den Verbänden, etwa dem IOC oder dem DOSB, wird man niemals solch kritische Töne wie von Enes Kanter hören. Es ist in der Welt des Sports ja mittlerweile zur Mode geworden, mit mordenden Regimen anzubandeln – für den höchstmöglichen Profit. Anders ist es nicht zu erklären, dass trotz der schockierenden Berichte eine WM in Katar oder Olympia in Peking stattfindet. Und ja, es gibt Stimmen – auch von Menschenrechtsorganisationen –, die einen Boykott ablehnen. Da sonst Dialoge abgebrochen werden und durch die Aufmerksamkeit der Großereignisse Probleme in den Ländern besonders beleuchtet werden können. Dafür braucht es aber auch den Mumm, diese Probleme klar anzusprechen. Den Verbanden fehlt es hier an moralischer Integrität. Umso wichtiger sind Sportler mit Rückgrat wie Enes Kanter. „Ich werde mich niemals dafür entschuldigen, die Wahrheit zu sagen. Ihr könnt mich nicht verschrecken. Ihr könnt mich nicht zum Schweigen bringen“, schrieb er jüngst in einem Tweet. Gut so, das Schweigen und Wegschauen übernehmen ja schon die Verantwortlichen.

nico-marius.schmitz@ovb.net

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