„Die Aufregung um Kimmich ist absurd“

von Redaktion

Sportphilosoph Volker Schürmann über die Impfdebatte und private Entscheidungen

München – Die Impfdebatte um Joshua Kimmich hat hohe Wellen geschlagen. Paul Breitner attackierte den Nationalspieler, selbst Angela Merkel meldete sich zu Wort. „Absurd“ findet Volker Schürmann die Aufregung um den Fall Kimmich. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der Professor für Sportphilosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln, wie er zu dieser Einschätzung kommt.

Verstehen Sie die aktuelle Aufregung um den Impfstatus von Joshua Kimmich?

Ich verstehe die Aufregung um den Impfstatus von Joshua Kimmich nicht und halte sie für sehr unangemessen. Zum einen steht diese Aufregung um einen einzigen prominenten Fußballer in keinem Verhältnis zu dem, was stattdessen die knappe Zeit der Nachrichten füllen könnte und müsste. Wenn z. B. mit dem gleichen Aufwand und der gleichen Verve über die inakzeptabel ungerechte weltweite Ungleichverteilung von Impfstoffen berichtet und diskutiert würde, dann wäre klar, dass etwas auf dem Spiel steht. Statt sich zu empören, wieviel Millionen Menschen in der Welt gar nicht vor der Frage stehen können, ob sie sich impfen lassen oder nicht, gibt es viel Wind um einen Einzelnen, der zudem das Privileg hat, sich kostenlos impfen und täglich testen lassen zu können. Das muss man nicht verstehen. Zum anderen haben wir keine Impfpflicht, was man bedauern kann, aber schlicht die aktuelle Rechtslage ist. Sich impfen zu lassen oder nicht, ist bei uns eine private Entscheidung.

Konterkariert die fehlende Impfung die sozialen Aktionen von Kimmich um „WeKickCorona“?

Eine private Entscheidung zu sein, heißt nicht, ausschließlich nach eigenem Gutdünken entscheiden zu können. Kleinfamilien und andere Wohngemeinschaften sind privat, und folglich sind sie vor staatlichen Ein- und Übergriffen geschützt. Trotzdem steht häusliche Gewalt unter Strafe. Und das Privatleben von Personen des öffentlichen Interesses folgt anderen Regeln als das Privatleben von Nicht-Prominenten. Bei Personen, die im Licht der Öffentlichkeit leben und eine Vorbildfunktion haben, ist offenkundiger, dass private Entscheidungen immer auch andere mitbetreffen. Im Fall Kimmich wirft das dann bekannte Fragen auf: Wie seine private Entscheidung mit seinem öffentlichen Auftreten, z.B. im Rahmen von „WeKickCorona“, vereinbar ist; ob seine private Entscheidung angesichts mancher G2-Regelung auf Zuschauerrängen mit der sonst so oft beschworenen gemeinschaftlichen Fußballkultur verträglich ist; nicht zuletzt: auf welchen öffentlich zugänglichen Informationsquellen die private Entscheidung beruht. Früher hieß das einmal: Das Private ist politisch. Das Private hat nichts mit dem eigenen Bauchnabel zu tun, sondern auch das Private betrifft das Allgemeinwohl.

Das Thema Impfung ist ein sehr persönliches. Trotzdem rückt es bei Kimmich in die Öffentlichkeit, da er Fußballspieler ist. Ist das gerechtfertigt bei einer solch intimen Entscheidung, die er zu treffen hat?

Ich denke, dass es ein Fehler ist, dass wir keine Impfpflicht haben. Es ist schlicht falsch, dass jeder das selber wissen müsse, denn wir sind alle betroffen. Was wäre denn, wenn jeder selbst entscheiden könnte, sich gegen Pocken zu impfen oder nicht? Muss wirklich jeder selber wissen, ob er sich gegen Gelbfieber impfen lässt, wenn er nach Ghana einreisen will? Echt? Impfpflicht ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte? Hinter solchen Vorbehalten steht ein fragwürdiger Freiheitsbegriff, der schlicht verkennt, dass wir Freiheit nur miteinander haben können, aber nicht je einzeln. Tatsache ist aber nun einmal, dass es bei uns keine Impfpflicht gibt. Und dann ist der Fall klar und eindeutig.

Nämlich?

Dann ist es Privatsache, ob man sich impfen lässt oder nicht. Dann ist jede Form des öffentlichen Drucks ein Beitrag zu einer Impfpflicht durch die Hintertür. Schon die 2G-Regel steht dann in jedem Einzelfall vor einem sehr deutlichen Begründungsaufwand. Kampagnen gegen einzelne Ungeimpfte sind dann schlicht unzulässig. Das eben heißt Rechtsstaat: private Entscheidungen sind geschützt, und tatsächlicher Schutz ist dann gefragt, wenn eine solch private Entscheidung dir oder mir oder Herrn Breitner oder einer bestimmten Blase oder, gerade dann, der Mehrheit nicht in den Kram passt. Diese Konsequenz einer Nicht-Impfpflicht ist zwingend, jedenfalls in einem Rechtsstaat.

Was spräche denn für eine Impfpflicht?

Es ist schlechterdings schwer vermittelbar, dass eine Impfung eine private Entscheidung sein soll. Ungeimpftes Personal auf Intensivstationen oder in Altenpflegeeinrichtungen sollen private Entscheidungen sein? Das muss man nicht verstehen.

Das alles macht Diskussionen um den Fall Kimmich verständlich, aber die Aufregung darum absurd. Er muss sich als Person des öffentlichen Lebens öffentlich gestellte Fragen gefallen lassen, aber auch für ihn gilt die Rechtslage, dass es eine geschützte private Entscheidung ist. Aber, noch einmal: Die Diskussionen und erst recht die Aufregung zeigen an, dass der politische Fehler davor liegt. Der Sache nach ist die Entscheidung, sich gegen Corona impfen zu lassen oder nicht, keine private Entscheidung. Es ist ja auch keine private Entscheidung, ob man bei Rot über die Ampel geht.

Interview: Nico-Marius Schmitz

Artikel 1 von 11