Löws Wirken als Bundestrainer

Der Befreier vom Rumpelfußball

von Redaktion

MANUEL BONKE

Der Rahmen hätte glamouröser sein können für den Weltmeister-Trainer. Nein, glamouröser sein müssen. Joachim Löw wurde am Donnerstagabend in Wolfsburg offiziell verabschiedet. Rund um ein WM-Qualifikationsspiel ohne sportlichen Wert. Gegen Liechtenstein. Löws Abschied geriet im Vorfeld angesichts des Corona-Chaos um die Nationalmannschaft ohnehin in den Hintergrund. Immerhin war die Volkswagen-Arena ausverkauft. Allerdings fanden gerade einmal sechs ehemalige Nationalspieler, ein Noch-Nationalspieler (Mats Hummels) und Teammanager Benedikt Höwedes den Weg auf den Wolfsburger Rasen, um dem Bundestrainer a. D. Spalier zu stehen. Keine fünf Minuten dauerte die straff durchgetaktete Prozedur. Löw hätte einen würdevolleren Abschied verdient gehabt.

Jogi hat der Nationalmannschaft den Rumpel-Fußball Anfang der 2000er-Jahre ausgetrieben – erst als Co-Trainer unter Jürgen Klinsmann, anschließend als Chef. Das ist ihm noch höher anzurechnen als der Weltmeister-Titel 2014. Löw hatte von Anfang an eine klare Vision, wie er Deutschland Fußball spielen lassen wollte: Im Tiki-Taka-Stil, den Spanien und der FC Barcelona zu dieser Zeit perfektioniert hatten. Löw war im Vergleich zu anderen deutschen Fußballlehrern seiner Zeit voraus und damals unwissentlich Vorreiter der Generation Laptop-Trainer. Er wusste, dass zu Beginn seiner Amtszeit die Ballkontaktzeit seiner Nationalspieler bei 2,8 Sekunden lag. Im Laufe der Jahre verbesserten sich seine Schützlinge zwar (auf 1,7 Sekunden), doch die Spanier hielten den Ball im Schnitt nur eine Sekunde. Das war damals sein taktisches Ziel. Mit dieser Herangehensweise wurde der Bundestrainer in Brasilien zum Weltmeister.

Doch der Sport veränderte sich in den Folgejahren extrem. Statt Tiki-Taka sorgte temporeicher und (gegen)pressingstarker Fußball aus einer sattelfesten Defensive für die großen Titel in den Vereinen (Liverpool) und Nationalmannschaften (Frankreich). Fußball-Ästhet Löw konnte oder wollte diese Entwicklung nicht mitgehen. Darum scheiterte die Nationalmannschaft kläglich bei der WM 2018 und der EM 2020. Und darum ist es richtig, dass sich Löw nun trotz aller Verdienste verabschiedet hat.

manuel.bonke@ovb.net

Artikel 7 von 11