München/Wolfsburg – Kurzes Abklatschen mit Assistenten und Spielern, ein Händeschütteln mit Gästetrainer Martin Stocklasa – größere Jubelgesten sparte sich Hansi Flick gestern Abend nach dem 9:0 (4:0) gegen früh dezimierte Liechtensteiner. Sie wären auch nicht angemessen gewesen ob des Pflichtcharakters der Aufgabe gegen die Fußballzwerge aus dem Fürstentum.
Und doch hatte dieser Sieg im ausverkauften Wolfsburger Stadion historischen Wert. Denn mit dem sechsten Erfolg im sechsten Spiel als Bundestrainer knackte Flick den Rekord seines Vorgängers Jogi Löw, der nach der Amtsübernahme 2006 fünfmal gewonnen hatte, ehe ihm ein 1:1 auf Zypern dazwischenkam. Am Sonntag im letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Armenien (18 Uhr, RTL) kann Flick seine Serie ausbauen. Gebucht für Katar 2022 ist die DFB-Auswahl seit dem 4:0 in Nordmazedonien ohnehin schon seit Oktober.
„Wir wollten das nächste und das nächste Tor. Man kann von einem tollen Abend sprechen“, bilanzierte Thomas Müller bei RTL.
Ex-Rekordhalter Löw bekam seinen umjubelten Zapfenstreich vor dem Anpfiff (siehe Seite 24). Was an Action folgte, rückte die Umstände der Partie einstweilen in den Hintergrund. Selten zuvor war ein Qualifikationsspiel unter ungünstigeren Vorzeichen gestanden. Erst der positive Corona-Test von Niklas Süle, der auch seine Kontakte Kimmich, Gnabry, Musiala und Adeyemi zur Abreise zwang. Und dann auch noch die Aussagen von Oliver Bierhoff, der die Kritik an Impf-Skeptiker Kimmich in Zusammenhang mit Robert Enkes Suizid brachte. Ein Vergleich, für den sich Bierhoff gestern entschuldigte: „Nichts liegt mir ferner, als die tragischen Umstände rund um die Erkrankung von Robert Enke gleichzusetzen mit aktuellen Diskussionen um den Impfstatus von Nationalspielern.“
Zurück zum Sport: Anders als beim zähen 2:0 zu Flicks Einstand gegen denselben Gegner fielen die Tore gestern flott und reichlich. Auch Freunde des Horrorfilms wurden bedient. Nach acht Minuten traf der Liechtensteiner Jens Hofer bei einem Klärungsversuch Leon Goretzka mit offener Sohle am Hals. Der Bayern-Star ging zu Boden, der geschockte Hofer mit Rot vom Platz. Ilkay Gündogan verwandelte den fälligen Elfmeter zum 1:0 (11.), das Schützenfest konnte beginnen.
Ein Eigentor von Daniel Kaufmann (20.), Leroy Sanés Linksschuss (22.) und Marco Reus’ Abstauber (23.) ließen den Fans keine Jubelpause. In dieser Ausprägung kennt man Einbahnstraßenfußball mit Handball-Anmutung sonst nur von Pokalspielen gegen Siebtligisten. Lukas Nmecha durfte nach dem Wechsel seinen Einstand feiern, ein Debüt gab’s auch für Sané. Erstmals gelang ihm ein Doppelpack im DFB-Trikot, Reus hatte die Vorarbeit zum 5:0 (49.) geleistet. Doch das war’s noch nicht: Thomas Müller vollendete auf Kopfball-Vorlage von Florian Neuhaus zum 6:0 (76.), Ridle Baku zirkelte den Ball mit einem Links-Schlenzer ins Kreuzeck (80.), ehe Müller abgefälscht das 8:0 (86.) besorgte. Der Schlusspunkt: ein Eigentor von Göppel (89.). Immerhin eine metaphorische Gemeinsamkeit mit dem DFB.