Turin – Alexander Zverev sehnt sich nach Urlaub, er will einfach mal den Tennisschläger zur Seite legen und die Seele baumeln lassen. „Ich bin fertig, ich bin müde“, sagte der 24-Jährige, nach einer langen und erfolgreichen Saison mit dem Olympiasieg in Tokio auch nicht verwunderlich. Doch noch muss die Pause warten, für die ATP Finals in Turin mobilisiert Zverev seine letzten Kräfte – denn er will das Jahr standesgemäß beenden.
„Ich werde nicht sagen, dass ich hier nur als Teilnehmer hergekommen bin. Ich will gut abschneiden und Matches gewinnen, das ist klar“, sagte die deutsche Nummer eins vor dem Auftaktmatch am Sonntag (21.00 Uhr/Sky) gegen den italienischen Wimbledonfinalisten Matteo Berrettini. Dabei erwartet Zverev, dass das Publikum dem Lokalmatador die Daumen drückt. „Ich bin ein Fan davon, wenn es laut im Stadion ist. Ich mag es auch, wenn die Leute gegen mich sind.“
Nach einem langen und kräftezehrenden Jahr ist der Akku alles andere als voll. „Wenn du die ganze Zeit auf einem hohen Niveau spielst, wenn du die ganze Zeit viele Matches gewinnst, ist es auch normal, dass du irgendwann müde wirst“, sagte Zverev.
Die Anstrengungen dieses langen Jahres, das für Zverev bislang fünf Turniersiege bereithielt, aber auch abseits des Courts mit den Gewaltvorwürfen einer Ex-Freundin und der laufenden Untersuchung durch die Profi-Organisation ATP turbulent war, zeigten sich zuletzt beim Masters in Paris. Im Halbfinale ging ihm die Luft aus, beim 2:6, 2:6 gegen den russischen US-Open-Champion Daniil Medwedew war Zverev chancenlos.
Entsprechend locker ging der Hamburger die Vorbereitung auf die ATP Finals, bei der die acht besten Tennisprofis des Jahres den inoffiziellen WM-Titel ausspielen. „Ich habe in den letzten Tagen gar nichts gemacht“, erzählte Zverev am Freitag lachend: „Deswegen bin ich jetzt auch ein bisschen frischer als in Paris. Das habe ich aber auch gebraucht, weil ich fertig war.“ Nun will der Ausgeruhte wieder angreifen. „Selbst wenn man körperlich müde ist und emotional erschöpft, bei so einem Event holt man noch mal alle Reserven aus sich raus“, meinte er weiter.
Schon in Turin, wo das Saisonfinale nach zwölf Jahren in London erstmals stattfindet, bietet sich Zverev die Chance zur Revanche. In der Roten Gruppe bekommt es der Weltranglisten-Dritte wieder mit dem um einen Platz besser platzierten Titelverteidiger Medwedew zu tun. Darüber hinaus wartet bei seiner fünften Teilnahme bei den ATP Finals in Folge ein Duell mit Debütant Hubert Hurkacz aus Polen.
Dem Topfavoriten Novak Djokovic geht Zverev zumindest in der Gruppe erst mal aus dem Weg. Auf den Weltranglisten-Ersten aus Serbien könnte der deutsche Spitzenspieler frühestens im Halbfinale treffen. Djokovic ist in Turin der einzige Vertreter aus dem Trio der Superstars, der Schweizer Rekordsieger Roger Federer (6 Titel) und der Spanier Rafael Nadal fehlen schon länger verletzt. Mit der Abwesenheit der beiden Weltklassespieler wächst die Möglichkeit, dass die Rangordnung weiter durchgemischt wird.
Nach dem letzten Turnier des Jahres freut sich Zverev auf eine Pause. „Wir haben die längste Saison im Profisport, wir haben keine Zeit, um uns um unsere Körper zu kümmern und zu regenerieren – auch mental“, sagte er: „Ich bin relativ froh, wenn ich den Tennisschläger dann mal für zehn Tage oder zwei Wochen weglege und den Urlaub genieße.“
In der Turiner Mehrzweckhalle Pala Alpitour würde Zverev gerne fünf Matches bestreiten – dann stünde er am 21. November im Endspiel der ATP Finals. Sollte er das Finale erreichen, hätte sich seine jüngste Regenerationsphase nach dem Halbfinal-Aus von Paris gelohnt.
Sein Triumph aus dem Jahr 2018 könnte ihm nun Mut machen. Damals gewann er überraschend das Turnier, nachdem er im Halbfinale Roger Federer ausschaltete und im Endspiel Novak Djokovic bezwang. sid/dpa