München – Der Amateursport steht teilweise still, bei den Profis mehren sich die Absagen wegen zahlreicher Infektionen – doch in die Stadien der Fußball-Bundesliga dürfen trotz Zuspitzung des Infektionsgeschehens die Massen strömen. Von den neun Spielen des Wochenendes hat Borussia Dortmund gegen den VfB Stuttgart mit 82 Prozent noch die geringste Auslastung, was in absoluten Zahlen aber 67 000 Zuschauern und damit fast den am Donnerstag neu gemeldeten Corona-Infektionen Deutschlands entspricht.
Die Clubs, die natürlich nur das umsetzen, was die Politik vorgibt, sehen offenbar ihr wirtschaftliches Überleben als wichtiger an und glauben, in der 2G-Regelung ein Allheilmittel gefunden zu haben. Doch laut einer Studie der Universität Würzburg hat das Interesse der Fans am Fußball und an einem Stadionbesuch seit Beginn der Corona-Pandemie eher abgenommen. Kein Wunder: Ungeimpfte Nationalspieler wie Joshua Kimmich treiben die Entfremdung zwischen Fan und Fußball weiter voran. Bislang gilt auf dem Platz 3G, während die Zuschauer auf den Rängen nur mit 2G ins Stadion kommen. Das könnte sich ändern – die Ministerpräsidentenkonferenz beschloss am Donnerstag, auch für die Profis die 2G-Regel anzustreben. Im vergangenen Transfersommer jagte ein Rekordwechsel den nächsten. Dabei hatten die mächtigsten Fußball-Manager Europas nach der Corona-bedingten Zwangsspielpause eine neue Demut gefordert. Aber was ist übrig geblieben? Wir sprachen mit Andreas Rettig (58), dem ehemaligen DFL-Chef und jetzigen Geschäftsführer von Viktoria Köln
Herr Rettig, können Sie nachvollziehen, dass das Interesse an Stadionbesuchen in der Pandemie weiter gesunken ist?
Ja. Sicherlich hat die Pandemie dafür gesorgt, dass viele Menschen, die zuvor am Wochenende im Stadion waren, in der Pandemiezeit eine Alternative gefunden haben. Nach einiger Zeit haben sie vielleicht gemerkt, dass sie auch ohne den Fußball leben können. Diese Menschen zurückzugewinnen und wieder für den Fußball zu faszinieren, ist eine große Herausforderung für fast alle Clubs.
Was könnten Ihrer Meinung nach die Gründe dafür sein?
Neben den vorgenannten sicher auch die Angst vor einer Ansteckung. Sich gemeinsam in den Armen liegen beim Torerfolg ist für viele noch nicht vorstellbar.
Ist wirklich nur die Corona-Pandemie der Grund oder liegt es an der allgemeinen Entfremdung und Kommerzialisierung des Fußballs?
Bereits vor der Pandemie hat sich klar abgezeichnet, dass der gesellschaftliche Zuspruch für den Fußball abnimmt. Wenn sogenannte Stars Friseure einfliegen lassen, Gold-Steaks essen oder auf ihrer Jacht an einem freien Wochenende Partys feiern, sorgt das bei den Anhängern, aber auch in der breiten Gesellschaft, für Kopfschütteln. Viele Fans wollen es einfach nicht mehr hinnehmen, dass der Fußball in seiner eigenen Luxus-Blase lebt und sich immer mehr abkoppelt vom wirklichen Leben. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess sicherlich noch einmal beschleunigt.
Gerade für Clubs, die weniger Fernsehgelder erhalten, sind Zuschauer-einnahmen enorm wichtig.
Die Bedeutung der Zuschauereinnahmen würde ich nicht nur wirtschaftlich bewerten. Ein volles Stadion impliziert auch eine Verbundenheit mit dem Club und hat positive Effekte auf Stimmung und Image. Aber klar ist, jeder Euro der fehlt, schmerzt. Ich hoffe nicht, dass dies dazu führt, durch die Aussicht auf den weißen Ritter Vereinsgrundsätze über Bord zu werfen.
Als der Spielbetrieb wegen Corona zwischenzeitlich ausgesetzt wurde, predigten die Verantwortlichen der deutschen Topclubs das Wort „Demut“. Was ist Ihrer Meinung nach von dieser Demut bis heute noch übrig geblieben?
Demut heißt, innezuhalten, zu reflektieren und sich zu fragen: Was läuft alles falsch im Fußball? Und wie kann ich diese Entwicklung stoppen? Es gab große Ankündigungen, aber außer Lippenbekenntnissen ist davon leider nicht viel übrig geblieben. Demut heißt, dass man sich im Fußball auch darüber Gedanken macht, wie man glaubwürdig Verantwortung übernehmen kann für die Gesellschaft. Wir bei Viktoria Köln haben als einziger Proficlub in Deutschland seit dieser Saison Gemeinwohlklauseln in die Verträge verankert.
Was bedeutet das?
Trainer, Spieler und Mitarbeiter haben sich verpflichtet, mindestens eine Stunde im Monat gemeinnützige, sinnstiftende Arbeit, etwa in sozialen Einrichtungen, zu leisten. Dazu gehört die Blutspende ebenso wie der Besuch in Kita oder Altenheim. Wir haben uns vor ein paar Wochen mit den beiden anderen Kölner Proficlubs, der Fortuna und dem FC dem Thema Obdachlosigkeit gewidmet, ein Turnier in unserem Höhenberger Sportpark gespielt und den Reinerlös von 50 000 Euro zur Verfügung gestellt. Dies wird in den nächsten Jahren mit wechselndem Gastgeber fortgesetzt. Themen wie Nachhaltigkeit und soziales Engagement spielen bei der Generation Z eine immer größere Rolle. Und dem muss der Fußball gerecht werden, sonst verliert er immer mehr seine gesellschaftliche Akzeptanz.
Inwiefern spiegelt die mangelnde Impfbereitschaft von Nationalspielern wie Joshua Kimmich die Probleme des Profi-Fußballs wieder?
Wenn ein intelligenter Spieler wie Joshua Kimmich, den ich übrigens sehr schätze, vor einem Millionenpublikum darüber schwadroniert, er lasse sich nicht impfen, weil er Langzeitfolgen befürchte, dann muss ich sagen: Das ist am Thema vorbei und nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse gedeckt. Mir steht es nicht zu ihn für sein Nicht-Impfen zu kritisieren, aber seine öffentlichen Erklärungen waren leider daneben.
Bayerns Ministerpräsident brachte zuletzt eine Impfpflicht für Fußball-Profis ins Spiel.
Ich habe natürlich großen Respekt davor, dass in einer demokratischen Gesellschaft jeder Mensch selbstbestimmt darüber entscheiden soll, ob er sich impfen lässt oder nicht. Aber wenn man als Fußballer das Privileg genießen will, seinen Job ausüben zu können, muss man dieses Recht auf Selbstbestimmung aufgeben. Deshalb wäre eine selbst auferlegte Impfpflicht für alle Profi-Fußballer ein starkes Zeichen mit entsprechender Signalwirkung.
Wie versuchen Sie als Manager, Ihre Spieler von einer Impfung zu überzeugen? Müssen Vereinsverantwortliche vielleicht doch öffentlich mehr Druck ausüben als bisher?
Bei Viktoria Köln liegt die Impfquote bei den Spielern sowie im Trainer- und Betreuerstab bei 100 Prozent. Wir haben bei der Viktoria ausschließlich verantwortungsbewusste , reflektierte Spieler … (lacht). Der Sport hat eine starke gesellschaftliche Kraft und Stimme. Ich würde mir deshalb wünschen, wenn Clubverantwortliche klare Botschaften senden würden. Wie diese: Lasst euch impfen. Jetzt.
Lässt solch ein Verhalten die Bindung zwischen Fan und Verein wirklich schwinden? Immerhin müssen Fans für den Stadionbesuch geimpft sein, während bei den Spielern ein Test reicht.
Diese Vorgabe entzieht sich auch meiner Logik und befeuert sicherlich das Urteil vieler Menschen in unserer Gesellschaft, dass Fußballer eine Sonderrolle einnehmen.
Trifft den DFB als Mutterverband ebenfalls eine Mitschuld am schwindenden Fußballinteresse?
Wenn sich ein Verband seit Jahren intern schmutzige Machtkämpfe in der Führungsspitze liefert, trägt das sicherlich nicht dazu bei, dass das Interesse der Fans zunimmt. Der DFB ist seit langer Zeit quasi führungslos, besetzt keine Themen mehr und hält sich aus jeder Debatte heraus. Dabei wäre es gerade in diesen schwierigen Zeiten von Bedeutung, dass der größte Sportverband der Welt Werte vermittelt, Haltung zeigt und seine Stimme hebt, wenn etwas in die falsche Richtung läuft. Die Wahrheit aber ist: Der DFB ist handlungsunfähig. Er hat seine Richtlinienkompetenz an die DFL verloren.
Interview: Manuel Bonke