Dortmund – Fünf Tore, viele Chancen, eine heiße Atmosphäre – was für ein packender Schlagabtausch beim Bundesliga-Gipfel am Samstagabend! Doch nach dem 3:2-Sieg der Bayern über den BVB wurde hauptsächlich über den Schiedsrichter gesprochen. Die Dortmunder ärgerten sich über Referee Felix Zwayer (40), sahen sich von ihm ungerecht behandelt. Im Zentrum ihrer Kritik: zwei umstrittenen Elfmeter-Situationen.
In der 78. Minute gab Zwayer Handelfmeter für die Bayern. Mats Hummels (32) traf den Ball im eigenen Strafraum unglücklich mit dem Ellenbogen. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung, die Zwayer nach Sichtung der TV-Bilder traf. „Der Videoschiedsrichter hat für sich eine Beurteilung vorgenommen und gesagt: ‚Hummels hat den Arm in einer unnatürlichen Armhaltung vom Körper weggestreckt.’ Daraufhin habe ich es mir am Monitor angeschaut und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein strafbares Handspiel ist“, sagte Zwayer.
Wenige Minuten später hätte er erneut auf den Punkt zeigen können. Aber das Tackling von Lucas Hernandez an BVB-Kapitän Marco Reus im Münchner Sechzehner empfand er als nicht ahndenswert. Dass er sich diese Szene indes nicht auch am Spielfeldrand vorspielen ließ, machte den Dortmunder Ärger nur noch größer – obwohl mit kalibrierter Linie zu erkennen ist, dass Erling Haaland in der Szene davor ganz leicht im Abseits war.
„Du gibst einem Schiedsrichter, der schon in Spielmanipulationen verwickelt war, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest du?“, schimpfte Jude Bellingham (18) beim norwegischen Sender Viaplay Fotball in Anspielung auf Zwayers Rolle im Schiedsrichter-Skandal vor 16 Jahren um Robert Hoyzer (siehe unten). Eine Aussage, die nicht unkommentiert blieb. „Das geht natürlich schon einen gewaltigen Schritt zu weit“, sagte der Münchner Vorstandschef Oliver Kahn – bei allem Verständnis für Emotionen: „Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Spieler schon mal was in der Art von sich gegeben hat.“
Der BVB sprang seinem Spieler zur Seite. „Sein Satz ist nicht falsch, auch wenn er ihn nicht sagen muss. Aber das ist dann auch der Emotionalität geschuldet, die man einem 18-Jährigen zugestehen muss. Jude hat niemanden beleidigt, sondern ein Faktum geschildert“, sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. Auch Sportdirektor Michael Zorc sah darin „strafrechtlich nichts Problematisches“. Der DFB hingegen kündigte Ermittlungen gegen Bellingham an.
Nach Einschätzung des Juristen Christoph Schickhardt, der den Schiedsrichterskandal um Robert Hoyzer 2005 begleitet hatte, kann der DFB jedoch „nicht gegen Bellingham vorgehen“. „Seine Aussage ist unanständig, aber nicht zu beanstanden, sie ist ganz klar vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Sie ist legal, aber nicht legitim“, sagte der 66-Jährige dem „kicker“.
Nicht ganz so drastisch, aber nicht weniger emotional lederte Erling Haaland gegen Zwayer: „Die Schiedsrichterleistung war ein Skandal. Er war arrogant, mehr will ich nicht sagen.“ BVB-Trainer Marco Rose ergänzte: „Das Spiel hätte einen anderen Ausgang und eine andere Entscheidungsfindung verdient.“ Mit sarkastischem Unterton fügte Rose, der sich über den Elfmeter der Bayern echauffierte und daraufhin Gelb-Rot sah, an: „Herr Zwayer kann ruhig noch ein paar BVB-Spiele pfeifen. Wir sind hier, wir sind bereit. Er kann uns noch ein paar Steine und Stöcke in den Weg werfen. Wir machen weiter.“ Selbst die Bayern äußerten Verständnis „Den von Hernandez kannst du natürlich auch geben“, meinte Thomas Müller mit Blick auf das nicht geahndete Tackling seines Mitspielers an Reus. „Das ist am Ende das Bittere, dass sowas ein derart intensives Spiel entscheidet. Ich kann den Ärger verstehen.“ Trainer Julian Nagelsmann gab nach dem Spiel ehrlich zu: „Wenn ich nicht der Sieger wäre, würde ich jetzt auch darüber diskutieren.“