München – Die Angestellten des FC Bayern kommen am Donnerstag digital zusammen. Präsident Herbert Hainer (67) und Vorstandschef Oliver Kahn (52) haben zum „clubübergreifenden AHEAD Mitarbeiter-Event“ geladen. Ursprünglich hätte die Veranstaltung am 1. Dezember im Showpalast in Fröttmaning stattfinden sollen. Fünf Stunden lang hätte die Bayern-Führung das neue Leitbild des Klubs detailliert beleuchtet und die gemeinsame Strategie sowie die nächsten Schritte vorgestellt. Doch wegen der steigenden Corona-Zahlen wird die Mitarbeiter-Versammlung nicht in geplanter Form durchgezogen. Stattdessen gibt es ein 30-minütiges digitales Update.
Obwohl die Veranstaltung zeitlich ordentlich eingestampft wurde, haben sich zahlreiche Mitarbeiter angemeldet. Das Interesse der Belegschaft am „neuen FC Bayern“ ist groß – es gibt aber auch Zweifel. Etwas mehr als fünf Monate trägt Kahn als Vorstandsvorsitzender die größte Verantwortung. Doch bereits vor seinem Amtsantritt gab es Bedenken, dass die Doppelspitze Kahn/Hainer den Klub wie folgt umbaut: Mehr Wirtschaftsunternehmen, weniger Verein.
Wenn man in den Klub hineinhorcht, haben sich diese Zweifel verfestigt – und das nicht erst seit der misslungenen Jahreshauptversammlung. Während sich Hainer nach der Chaos-JHV in mehreren Interviews stellte und das Gespräch mit einzelnen Mitgliedern suchte, äußerte sich Kahn lediglich auf seinen eigenen Kanälen in den sozialen Medien und nicht etwa auf den Plattformen des FC Bayern. Das bestätigt den Eindruck, den man auch intern vom neuen Chef wahrgenommen hat: Viel Kahn, wenig FC Bayern.
Ausführlich äußerte er sich zur Chaos-JHV erst am Sonntag in der Sendung Sky 90 – und sorgte mit seinen Aussagen für Verwunderung. Laut dem Bayern-Boss waren die Münchner „bestens vorbereitet“ und wussten „was auf sie in Sachen Katar zukommen wird“. Unsere Zeitung weiß: Diese Meinung teilt in der Führungsriege des FC Bayern nicht jeder. Dementsprechend war das Arbeitsklima beim deutschen Rekordmeister schon mal deutlich angenehmer. Die Folge: Man sehnt sich nach Karl-Heinz Rummenigge (66). Kalle eroberte in seiner Elder-Statesman-Manier in den letzten Jahren die Herzen der Mitarbeiter und Fans.
Kahn hingegen wirkt teilweise wie ein unnahbarer Agentur-Manager, der sich gerne mit von ihm im Verein installierten Beratern umgibt. Einer von ihnen ist Büroleiter Moritz Mattes, früher Unternehmensberater und Mitbegründer der Firma Goalplay. Im Hinblick auf seine künftige Tätigkeit beim FC Bayern hat Mattes im Jahr 2019 den Kurs „Business of Entertainment Media an Sports“an der Havard Business School absolviert. Gemeinsam mit Kahn. AHEAD-Projektleiter ist Dr. Daniel Hoegele, der zwar schon sieben Jahre beim FC Bayern angestellt ist, bis zum Jahr 2013 aber bei der Unternehmensberatung McKinsey arbeitete.
Während Kahn Externen vertraut, setzte der gelernte Bankkaufmann Rummenigge bei wegweisenden Entscheidungen auf verdiente Klub-Urgesteine wie Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen. Kurios: Kahn bevorzugt im Bereich der Mitarbeiter-Führung flache Hierarchien und hält laut eigener Aussage wenig von einem starren Machtgefüge, wie es unter Rummenigge oder Uli Hoeneß (69) der Fall war. Doch im Verein vermissen die Mitarbeiter klare Ansagen, wie es unter den Alphatier Rummenigge der Fall war. Kahn selbst möchte sein Titan-Klartext-Image ablegen, wie er bei Sky betonte: „Leute, macht doch mal die Schubladen zu. Was heißt immer ‚Titan, Titan’? Ich habe mich in den vergangenen Jahren außerhalb des FC Bayern und des Fußballs weiterentwickelt.“ Dass Kahn trotz flacher Hierarchien einen klaren Machtanspruch verfolgt, zeigt folgendes Beispiel: Vor wenigen Tagen wurde er als stellvertretender Vorsitzender ins Präsidium der europäischen Klub-Vereinigugn ECA gewählt. Diesen Posten hatte zuvor Dr. Michael Gerlinger, Direktor Recht, für den FC Bayern besetzt.
Doch für Kahn ist diese Position Chefsache, weshalb Gerlinger seinen Posten – wohl nicht ganz freiwillig – räumen musste. Kahn: „Die Stimme der Vereine, die von dieser Vereinigung vertreten werden, muss bei den Weichenstellungen im Weltfußball Gewicht haben, gehört und berücksichtigt werden. Ich möchte mit meiner Erfahrung einen Beitrag leisten, alle Herausforderungen anzugehen – im Sinne des Fußballs und im Sinne des FC Bayern.“ Bleibt zu hoffen, dass Kahn seiner Stimme in Zukunft mehr Nachdruck verleiht als bisher…