Kimmich und die Infektion

Ein ehrlicher Satz wäre gut

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Die Quarantäne sei aufgehoben, „mir geht es sehr gut“, ließ Joshua Kimmich wissen. In das Aufatmen seiner Fans hinein reichte er aber die Kernbotschaft nach: Leichte Infiltrationen der Lunge, daher werde er noch einige Wochen nicht spielen können. Es las sich so wie: Abgesehen davon, dass er krank ist, ist Kimmich gesund.

Kimmichs Relativierung kann als Ärgernis empfunden werden. Offensichtlich beharrt der Spieler ja auf der Richtigkeit seiner Strategie, eine Impfung gegen das Coronavirus umgangen zu haben. Allerdings kann seine Aussage auch damit zu tun haben, dass er ein Prinzip des Leistungssportlerlebens verinnerlicht hat: Rede nicht über deine Schwächen, betone die Stärken.

Wenn ein Sportler etwas nicht hören und leiden kann, sind es verständnisvolle Kommentare wie „Er hat einfach Pech mit seinen vielen Verletzungen“ oder „Da ist es klar, dass er sein früheres Leistungsvermögen nicht mehr erreichen kann“. Vielleicht ist Holger Badstuber, der ehemalige Bayern-Verteidiger, ein passendes Beispiel dafür. Er hatte nach seinen Knieoperationen Pausen von mehr als einem Jahr, trotzdem war seine nach außen propagierte Selbstwahrnehmung: Er will zurück aufs höchste Niveau, will Champions League und Nationalmannschaft spielen. Mit Badstuber und seiner Leidensgeschichte kam auch der Social-Media-Hashtag „Comebackstronger“ auf. Profis müssen sich vornehmen, die Erfahrung aus einem Rückschlag umzumünzen in Energie für einen Vorwärtsschub – auch wenn eine Verletzung objektiv so schwer ist, dass Leistungsvermögen auf der Strecke bleiben wird.

Nach einer Corona-Infektion kann ein Sportler wieder ganz der alte werden. Es kann allerdings auch anders kommen, beeinflussen kann das, wen das Virus erwischt hat, nur bedingt. Es ist wie bei einer einschneidenden Verletzung – und doch ganz anders. Weil die Prävention klarer ist. Gegen Bänderrisse kann man sich nicht impfen lassen, gegen ein Virus aber sehr wohl, mit guten Erfolgsaussichten. Es liegt jetzt an Joshua Kimmich, seinen Rechthaber-Stolz zu überwinden und damit anderen zu helfen. Am Anfang stünde der Satz: „Es geht mir nicht so gut, wie ich dachte, dass es mir gehen würde.“ Es wäre ehrlich und verantwortungsbewusst.

Guenter.Klein@ovb.net

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