„Ein Tabubruch – aber toll, dass sich einer mal traut“

von Redaktion

„Deutsche Eiche“ als Fürsprecher

VON GÜNTER KLEIN

Gersthofen – Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, um sich mit einem Boxkampf zu befassen: Samstagmittag. Ein ungewöhnlicher Ort: Ein Hotel in Gersthofen bei Augsburg, fünfter Stock, ein Konferenzraum. Kaffee, Schnittchen und Video: Vor einer Leinwand sitzen fünf Herren. Sie schauen den Halbschwergewichts-WM-Kampf zwischen Robin Krasniqi und Dominic Bösel noch einmal an, der zwei Monate zuvor in Magdeburg stattgefunden hat und dessen Ausgang – Punktsieg für Herausforderer Bösel mit 2:1 Richterstimmen – die Krasniqi-Seite nicht akzeptiert.

Die fünf Herren sind auch Boxkampfrichter. Nur nicht für den in Magdeburg wie bei allen großen Events in Deutschland zuständigen Bund Deutscher Berufsboxer (BDB), sondern für die Konkurrenzorganisation German Boxing Association (GBA). Tengis Sade Baron zu Romkerhall, einer der fünf, hat sich hergerichtet wie für einen Abend am Ring: Er trägt Fliege. Und er nimmt zusammen mit seinem Kollegen Timo Hoffmann, der einmal eine Schwergewichtshoffnung war (Spitzname „Die deutsche Eiche“), eine provisorische Ehrung vor, nachdem die Aufzeichnung als Stummfilm, ohne wertenden und beeinflussenden Kommentatoren-Ton abgelaufen ist. Für dieses Gremium wäre Robin Krasniqi der klare Sieger. Mit 5.0 (zweimal 116:112, zweimal 115:113 und einmal 115:114). Sergej Kovalenko, Jens Kluge, Matthias Eichler, Hoffmann und der Baron haben alle viele Jahre am Ring hinter sich, sie bilden den offensichtlichen Kontrast zu Karoline Pütz, der 21-jährigen Tochter von BDB-Präsident Thomas Pütz, die in Magdeburg in der Jury gesessen war und knapp für Bösel gewertet hatte.

„Ich hätte die Niederlage akzeptiert, wenn es eine gewesen wäre“, sagt Robin Krasniqi (34), der „im Kampf auch bei Puls 200 bei klarem Verstand“ wahrgenommen haben will, „dass ich die deutlicheren Treffer platziert habe.“ Für ihn ist das 1:2-Urteil, mit dem ihm nach 15 Monaten als Weltmeister der Gürtel des Verbandes IBO entrissen wurde, „ein großer Skandal“. Nun haben er und seine Entourage das Establishment herausgefordert. Sie wollen eine Korrektur des Ergebnisses vom 9. Oktober. Thomas Pütz, der dabei selbst als Supervisor agierte, sah dafür aber keine Veranlassung. Er wählte einen Fußball-Vergleich, um die Wertung gegen den sicher aktiveren Krasniqi zu begründen: „Der eine hat zehn Chancen und macht ein Tor, der andere zwei Tore aus fünf Chancen.“

Rene-Dirk Hundertmark vertritt Krasniqi juristisch. „Bis jetzt hatten wir ein subjektives Bild“, nun glaubt man aber beweisen zu können, dass die Besetzung des Kampfgerichts durch den BDB „kausal gewesen“ sei für ein – falsches – Urteil. Quasi wie mit einem Gutachten will der Krasniqi-Anwalt nun darangehen, mit BDB und Promoter Ulf Steinforth (SES) eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. „Wir haben nicht ewig Zeit.“ Denkbar wäre für Hundertmark auch ein „zivilgerichtliches Verfahren“, mit einer Einstweiligen Verfügung als Beschleuniger. Einen Präzedenzfall, dass sich ein ordentliches Gericht einer Boxsache annähme, gibt es in Deutschland freilich nicht. Nur in den USA. Wo allerdings die IBO sitzt. Burim Hazrolli, Baustoffunternehmer aus Pfaffenhofen an der Glonn und Hauptsponsor von Robin Krasniqi, wird den Rechtsstreit finanzieren – „egal, was es kostet. Ich will Gerechtigkeit.“

Timo Hoffmann (47) sagt, auch ihm sei das ein Anliegen. Er bewertet das aktive Vorgehen des Krasniqi-Managements als „Tabubruch – aber toll, dass sich einer mal traut. Es gibt zu viele Fehlentscheidungen im Boxen“. Dieser Sport kenne eben „keinen zweiten Sieger, und durch eine Niederlage gerät eine Karriere ins Schwanken.“ Interessanterweise hat auch Hoffmann für die SES Promotion geboxt. „Im Profiboxen“, erklärt er, „geht es ums Geldverdienen. Und sicher hat Ulf Steinforth mit Dominic Bösel einen Plan für die Zukunft. Trotzdem darf ein wirtschaftlicher Plan das Sportliche nicht torpedieren“.

Der Viel-Trainer Robin Krasniqi ist „noch mehr motiviert“, er will jetzt gegen niemanden anderen antreten, nur gegen Bösel, den er im Juli 2020 ausgeknockt hatte: „Ich bin zum dritten Kampf bereit – aber nur unter einer Bedingung: Ich muss als Weltmeister antreten.“

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