Irre! Verstappen-Triumph auf letzten Metern

von Redaktion

Niederländer nach unglaublichem Saisonfinale Weltmeister – Mercedes-Protest abgewiesen

Abu Dhabi – Am Ziel seiner Träume angelangt, wurde Max Verstappen von seinem Vater Jos inmitten des großen Jubels immer wieder ungläubig geschüttelt, Lewis Hamilton saß nach dem dramatischen Verlust seines achten WM-Titels wie versteinert in seinem Mercedes. Die spannendste Formel-1-Saison der Geschichte hat mit einer irren Wendung in der 1293. und allerletzten Runde ihr höchst passendes Ende gefunden. Der Mercedes-Rennstall legte wegen zweier angeblicher Verstöße gegen das Sportliche Reglement nach dem Rennen Protest ein. Die Rennkommissare wiesen den Einsprüche jedoch noch abends ab. Allerdings wird Mercedes in Berufung gehen.

Dank einer großen Aufholjagd und viel Safety-Car-Glück am Schluss überholte Verstappen seinen Dauerrivalen Hamilton in einem „Alles oder Nichts“-Rennen erst gut zwei Kilometer vor dem Zielstrich – nachdem der Mercedes-Star aus England bereits seinen achten Titel klar vor Augen hatte, mit dem er in der ewigen Bestenliste den alleinigen ersten Rang vor Michael Schumacher übernommen hätte. Doch nix wurde es damit nach einem Krimi, über den noch lange gesprochen werden wird.

„Ja! Ja! Ja! Oh mein Gott!“, funkte Verstappen an seine Crew, nachdem er sich mit lediglich acht Punkten Vorsprung zum ersten niederländischen Weltmeister gekürt hatte. Hamilton erwies sich als fairer Verlierer: „Gratulation an Max“, sagte der entthronte Titelverteidiger, der sichtlich erschüttert war.

„Es ist unfassbar. Ich habe immer weiter gekämpft, und dann ergibt sich diese Gelegenheit in der letzten Runde. Als kleiner Junge träumt man davon, auf dem Podium zu stehen. Und jetzt bin ich Weltmeister“, sagte Verstappen, dem von der Rennleitung eine letzte Chance geschenkt wurde: Am Ende einer späten Safety-Car-Phase entschied Rennleiter Michael Masi, die überrundeten Fahrer zwischen Spitzenreiter Hamilton und Verstappen doch noch abzuziehen.

Der Niederländer hatte sich zuvor noch einmal frische Reifen geholt. Anders als Hamilton, der diese Option aufgrund seiner Streckenposition nicht mehr ergreifen konnte. Nach der Masi-Entscheidung, welche die Mercedes-Spitze nicht wahrhaben wollte, wurde Hamilton auf abgefahrenen Reifen zur leichten Beute für Verstappen. „Lewis ist ein großartiger Fahrer und großartiger Konkurrent. Ich hoffe, wir sehen nächstes Jahr wieder diesen Kampf“, meinte Verstappen voller Anerkennung. Zum 14. Mal im 22. Rennen machten die beiden Superstars die Plätze eins und zwei unter sich aus. Dritter wurde Ferrari-Pilot Carlos Sainz (Spanien). Sebastian Vettel (Aston Martin) kam nicht über Rang 11 hinaus, Mick Schumacher erreichte im Haas als 14. das Ziel.

Nach einer Saison mit zahlreichen WM-Führungswechseln sowie Kollisionen der Rivalen in Silverstone, Monza und Dschidda gingen Verstappen und Hamilton punktgleich ins Saisonfinale, eine derart enge Konstellation gab es in 71 Jahren Formel 1 ansonsten nur 1974.

Verstappen führte allerdings vor dem entscheidenden Rennen die Fahrerwertung wegen der mehr erzielten Siege an. Deswegen und aufgrund seines aggressiven Fahrstils gab es im Vorfeld reichlich Spekulationen, der Niederländer könnte einen Crash in Betracht ziehen.

Auch Masi sah sich bemüßigt, dezidiert auf Sanktionsmöglichkeiten wie Punktabzüge und Sperren hinzuweisen, sollte es zu Unsportlichkeiten kommen. All dies ging nicht spurlos an Verstappen vorbei. Der deutlich routiniertere Hamilton (36) änderte nichts an seinen Abläufen. „Es geht darum, das zu tun, was ich am meisten liebe: ich selbst zu sein auf der Strecke und alles zu geben“, sagte er vor dem Start.

Diesen erwischte Hamilton besser, der Engländer bog trotz Startplatz zwei als Erster nach rund 300 Metern in Kurve eins ein. Sechs Kehren später griff Verstappen an, drängte seinen Widersacher aber nach Ansicht der Rennkommissare von der Strecke, weswegen Hamilton die Führung behalten durfte. „Das ist unglaublich“, wetterte Verstappen im Funk. Wieder einmal fühlte er sich von der Rennleitung benachteiligt.

Red Bull zog nach Verstappens Reifenwechsel seinen Joker, ließ Verstappen-Teamkollege Sergio „Checo“ Perez lange auf der Strecke, um Hamilton einzubremsen. Der Mexikaner wehrte sich mit allen Mitteln, musste Hamilton nach rundenlangem Kampf zwar passieren lassen – doch Verstappen war wieder bis auf zwei Sekunden dran am Rivalen. „Checo ist eine Legende“, funkte Verstappen.

In Schlagdistanz kam er aber nicht, weswegen Red Bull volles Risiko ging und ihn bei einer virtuellen Safety-Car-Phase zu einem weiteren Reifenwechsel reinholte. Verstappens schwierige Aufgabe lautete nun, pro Runde gut eine Sekunde wettzumachen. Ein weiteres Safety Car fünf Umläufe vor dem Ende eröffnete Verstappen eine weitere unverhoffte Chance – und die nutzte er spektakulär.  sid

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