Es ist mittlerweile ja fast schon eine liebe Tradition. Kurz nach den Weihnachtstagen, wenn der Sport in Richtung Oberstdorf, in Richtung Vierschanzentournee blickt. Immer dann wird zuverlässig auch mindestens ein deutscher Skispringer aufs Favoritenschild gehoben. Na gut, Hand aufs Herz, natürlich war das meist auch ein bisschen von der Sehnsucht getrieben. Weil es seit Sven Hannawald 2002 eben immer andere waren, die am Dreikönigstag in Bischofshofen den Goldenen Adler stemmten.
Insofern mag es mancher vielleicht ein bisschen heikel finden, wenn wir auch in diesem Jahr an dieser Stelle über einen deutschen Adler sprechen. Über Karl Geiger nämlich. Der deutsche Vorflieger gehört ja schon seit 2-3 Jahren zu den Spitzenkräften auf den Schanzen. Aber vot allem im letzten Jahr hat der Allgäuer noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Ob es bei der Skiflug-WM oder bei der Nordischen WM auf seiner Heimanlage war – Geiger war zuverlässig da, wenn es darauf ankam.
Und in diesem Jahr? Scheint der Oberstdorfer auch noch Konstanz gelernt zu haben. Mit Ausnahme des zweiten Tages in Klingenthal, wo sich das deutsche Team bei der Wahl des Belages vergriff, landete Geiger bei allen Weltcups in den Top-5. Er geht verdient in Gelb ins erste große Saison-Highlight, weil er der konstanteste der fliegenden Männer war. Das mag ihm in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen nicht viel helfen. Gerade in einem so engen Umfeld, wo mindestens zehn Springer mehr oder minder offen mit dem großen Wurf liebäugeln. Aber natürlich lässt es hoffen – es ist schließlich kein Geheimnis, dass Konstanz auch die erste Qualität eines Tourneesiegers ist.
Und Geiger hat ein Team zum Wohlfühlen im Rücken. Eine Mannschaft, die sich weitestgehend auf hohem Niveau bewegt. Ob Markus Eisenbichler, Andreas Wellinger, Stephan Leyhe, Pius Paschke oder Constantin Schmid – der DSV hat eine bemerkenswerte Vielzahl an Athleten, denen mindestens in Tagesklassements jederzeit Spitzenplätze zuzutrauen sind. Auch das kann für Vorflieger Geiger nur gut sein. Denn natürlich fliegt es sich in einem erfolgreichen und selbstbewussten Umfeld leichter als in einem verunsicherten. Das hat auch Geiger selbst in den vergangenen Jahren festgestellt.
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