„Wir haben die Leute“

von Redaktion

Bundestrainer Horngacher über die deutschen Chancen bei der Tournee

München – Ein paar freie Tage hat Stefan Horngacher sich und seinen deutschen Skispringern natürlich gegönnt. Konnte man sich ja auch getrost leisten. Den Nationencup führen die DSV-Adler nach der ersten Saisonphase ziemlich deutlich an. Und auch im Einzel steht vor dem ersten großen Saisonhighlight Vierschanzentournee ein Deutscher an der Spitze. Lokalmatador Karl Geiger wird ausgerechnet auf seiner Heimschanze in Oberstdorf das Gelbe Trikot des Weltcup-Spitzenreiters tragen. Und die Hoffnungen sind groß, dass Geiger bei der 70. Tournee zumindest ein gewichtiges Wort um den Gesamtsieg mitsprechen kann. Bundestrainer Horngacher traut es ihm zu, wie er im Interview mit unserer Zeitung erklärt. Aber nicht nur ihm – der 52-Jährige sieht in seinem Ensemble sogar noch bis zu zwei weitere Athleten, denen er den Sprung nach ganz oben zutrauen würde

Es gibt zur Zeit ein ziemlich erfolgreiches Buch, in dem Autor Jim Collins, auf einen Nenner gebracht, den Unterschied zwischen gut und überragend untersucht. Wie ist es denn im Skispringen. Was macht einen guten Springer zu einem überragenden Springer?

Hmmm, viele Athleten machen die Dinge grundsätzlich gleich gut. Ich denke, es sind die letzten zehn Prozent, die den Unterschied ausmachen. Skispringen ist eine Risikosportart. Auch in schwierigen Momenten das Richtige zu machen, das ist zum Beispiel etwas, was einen Athleten überragend macht.

Wie sehen Sie ihre eigene Mannschaft?

Die Mannschaft ist gut! Ich habe das große Glück, dass ich 1,2,3 überragende Springer habe. Aber so eine Leistungsdichte hatte ich hier in Deutschland noch nie. Ein so kompakt gutes Team, aus dem zwei, drei Springer noch hervorstechen.

Damit meinen Sie Karl Geiger und Markus Eisenbichler. Wer ist der dritte?

Mit Andi Wellinger haben wir noch einen relativ jungen Springer in der Mannschaft. Er hat nach seiner Verletzung jetzt ganz gut den Anschluss gefunden. Er zeigt immer wieder sehr gute Sprünge. Da hoffe ich sehr, dass er in dieser Saison noch ein bisschen stabiler wird und dass wir da noch einiges von ihm sehen. Bei Stephan Leyhe ist die Verletzung erst ein Jahr her. Dafür läuft es bei ihm eh schon sehr gut.

Könnte Andi Wellinger wieder bei den Olympischen Spielen für eine Überraschung sorgen?

Ja, ich denke schon, dass man Olympia bei ihm als Ziel nehmen kann. Die Spiele liegen für ihn in der Saison eigentlich optimal. Ob es für die Tournee reicht, weiß ich nicht. Bei Andi kann es sehr schnell gehen, wenn er Lunte riecht. Aber genauso kann es sehr schnell in die andere Richtung gehen…

… was er in den letzten beiden Jahren ja zur Genüge erlebt hat.

Ja, beim Skispringen ist Geduld gefragt. Und man sollte besser nicht zu oft mit dem Kopf gehen die Wand rennen. Das ist auch unsere Aufgabe, ihm zu helfen. Er hat alles, was er als Springer braucht. Aber jetzt braucht er vor allem Geduld.

Was macht einen überragenden Springer zum Tourneesieger? Glück?

Vom Glück will ich eigentlich nicht reden. Ein Tourneesieger muss schon vor allem sehr, sehr gut sein. Das ist überhaupt keine Frage. Du musst bei allen vier Springen überragend agieren. Das ist sicher die Besonderheit. Es geht aber auch um mentale Stärke. Wie schaffe ich es, über vier Wettkämpfe hintereinander, zumindest 90 Prozent meiner Leistungsfähigkeit zu bringen. Das reicht. Wenn du 100 bringst, dann kommt eben so etwas raus, wie bei Sven Hannawald oder Kamil Stoch, die alle Springen gewinnen.

Sven Hannwald 2002 war aber auch der letzte deutsche Tourneesieg. Was haben die Deutschen nicht gehabt, was andere haben?

Naja, einige Male, vor allem in den letzten Jahren hat es immer genau einen außergewöhnlichen Springer gegeben, der dann eben besser war. Ob das der Kobayashi war oder zuletzt Stoch. Die Deutschen haben immer sehr gute Springer gehabt. Aber eben nicht immer überragende. Auch der Karl (Geiger, d.Red.) hat erst lernen müssen, zu gewinnen.

Aber bei der Tournee hat es auch für ihn bislang nicht gereicht.

Ja, er hat dafür immer mindestens ein bis zwei Fehler zu viel gehabt. Man muss aber auch sagen, für unsere Springer ist es bei der Tournee auch schwieriger. Du hast einen medialen Rucksack auf, vom ersten Moment an. Dazu kommen die Mamas, Papas oder Vereinstrainer. Vor allem bei den deutschen Springen kommen unheimlich viele Einflüsse von außen. Das haben die Polen oder auch die Norweger und Japaner nicht in dieser Instensität.

Wobei es bei den deutschen Springen in den letzten Jahren eigentlich nicht so schlecht lief. Ob Severin Freund, Markus Eisenbichler oder zuletzt Karl Geiger. Alle standen zur Tournee-Halbzeit noch ganz gut da. Das Problem war Innsbruck.

Das stimmt, da haben wir zuverlässig daneben gelegen. Aber genau da haben wir jetzt den Hebel angesetzt. Wir sind in der Vorbereitung öfter am Bergisel gesprungen. Wir haben daran gearbeitet, wie man dort springen muss. Wir hatten dort ja auch schon gute Ergebnisse gehabt, wenn ich an die WM denke. Aber wir müssen jetzt halt über diesen Berg drüberkommen.

Und dann die Tournee in Bischofshofen verspielen…?

(lacht) Ah, nein. In Bischofshofen haben wir noch nie daneben gelegen. Da freuen wir uns immer sehr drauf – an Bischofshofen sollte es nicht liegen.

Das klingt zuversichtlich – kann die deutsche Serie reißen?

Ich bin immer zuversichtlich. Gerade der Karl und der Markus können das, da haben wir kein Problem. Wir haben die Leute.

Wer sind die Gegner? Die üblichen Verdächtigen wie Kobayashi oder Kraft. Oder sehen Sie einen Überraschungskandidaten?

Kobayashi oder Kraft musst du immer nennen. Auch Stoch. Wenn man an Außenseiter denkt, dann vielleicht einen jungen Österreicher oder auch den Schweizer Peier. Aber nein, ich glaube, der Tourneesieger wird aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen kommen.

Sie sind als Musiker bekannt. Ist die Gitarre denn auch bei der Tournee dabei?

Musiker würde ich jetzt nicht sagen. (lacht) Ich spiele Gitarre und die ist natürlich immer dabei. Mit Kopfhörer, und dann wird gespielt.

Sind die Lieder von den Ergebnissen abhängig?

Ohja, auf jeden Fall. Wenn es nicht läuft, dann wird was Härteres ausgepackt. Ich hoffe mal, auf lässig, beschwingte Gitarrenriffs.

Interview: Patrick Reichelt

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