Oberstdorf – Bei den wesentlichen Problemen hat Karl Geiger schon zuhause vorgesorgt. In diesem Jahr hat sich Deutschlands Überflieger nur einen kleinen Christbaum in die heimische Wohnung gestellt. Hoch aufs Fensterbrett und angebunden. Eine Sicherheitsmaßnahme gegen das mobil werdende Töchterchen Luisa.
Womit Geiger immerhin ohne größere Zwischenfälle ins Teamquartier in Tiefenbach vor den Toren Oberstdorfs einziehen wird. Und das ist auch gut so. Der Mann hat schließlich einen Auftrag, er soll den deutschen Skispringern 20 Jahre nach Sven Hannawald endlich wieder einen Tourneesieg bescheren. Woran er selbst auch keinen Zweifel lässt: „Natürlich gehe ich da rein, um das Ding zu gewinnen.“
Dass er das Zeug dazu hat, das weiß der 28-Jährige spätestens seit der vergangenen Saison. Seinerzeit gewann er das Tourneespringen auf seiner Heimschanze, holte wenig später an gleicher Stelle vier WM-Medaillen. Das Interessante ist: In beiden Fällen war das Publikum pandemiebedingt ausgesperrt. Den Schluss, dass das Heimspiel ohne Zuschauer leichter fällt, will Geiger aber nicht gelten lassen. „So ein Heimspiel ist nie einfach“, sagte er, „aber mit Zuschauern ist es definitiv cooler.“
Man muss es wohl so sehen, dass der Geiger 2021 ein Produkt seiner Vorjahresmodelle ist. „Der Karl hat das Siegen lernen müssen“, hatte Stefan Horngacher kürzlich im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Geiger selbst erklärt das so: „Am Anfang bist du von Siegen himmelweit weg. Ich bin dann Jahr für Jahr ein bisschen besser geworden. Und irgendwann ist es dann plötzlich passiert.“
Man kann das auch an seinen Tourneeerfahrungen ablesen. Zweimal ist er 51. in Oberstdorf gewesen, mal 31. – bis hin zum Heimsieg im Vorjahr. 11, 3, 2 waren seine letzten Platzierungen in der Gesamtwertung. Das mag nicht die Entwicklung eines Supertalents sein. Geiger, der bei seinen Trainern nicht umsonst den internen Spitznamen „Der Ingenieur“ hat, ist das Ergebnis akribischer harter Arbeit. Das gilt auch für die Besuche auf seiner Heimschanze. „Die ist mir nicht auf den Leib geschneidert“, sagte Geiger, „aber ich habe Jahre daran gearbeitet, wie ich sie knacken kann.“ Er hat sie geknackt. Und die Topflüge werden häufiger. So war das auch zuletzt, als die Mannschaft nach der Generalprobe in Engelberg noch einmal zum Training in Oberstdorf Station machte.
Und doch weiß auch Geiger, dass der Weg zum Goldenen Adler ein steiniger werden könnte. Vor allem der Japaner Ryoyu Kobayashi kam in den letzten Wochen nach seiner Corona-Erkrankung immer besser in Fahrt. In Engelberg teilten sich die beiden Topspringer der ersten Saisonphase die Meriten auf. An Tag eins gewann Geiger vor Kobayashi, an Tag zwei Kobayashi vor Geiger. „Der springt saugut“, sagt der Deutsche anerkennend. Und nicht nur Kobyashi – „in praktisch jeder Nation gibt es ein, zwei Springer, die du immer auf der Rechnung haben musst.“
Wenn es mit dem großen Coup klappt, dann würde Geiger das sogar noch ein bisschen höher stellen, als so manches Edelmetall. „Wir haben die Tournee schon so lange auf der Agenda, und nie hat es geklappt. Jetzt wird es Zeit“, sagte er.
Wobei Geiger auch im eigenen Lager Rivalen sieht, die das schaffen können. Allen voran seinem Kumpel Markus Eisenbichler traut er „eine Menge zu.“ Und das ist eine Art von Konkurrenz, über die er sich freut: Denn „es ist nur gut für mich, wenn die ganze Aufmerksamkeit nicht nur auf mir liegt.“