Die abschreckende Seite Olympias

von Redaktion

Angst vor Quarantäne: Erster deutscher Nationalspieler erwägt Verzicht

VON GÜNTER KLEIN

München – Markus Eisenschmid legte mit seinem Tor nach 16 Sekunden den Grundstein dafür, dass die Adler Mannheim am zweiten Weihnachtsfeiertag ihre imposante Serie an Siegen gegen den EHC München auf sieben Stück ausbauten. Eisenschmid, 26, ist Nationalspieler und nach den Entwicklungen der vergangenen Tage ein sicherer Kandidat für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking.

Doch nach dem 5:1-Sieg überraschte der gebürtige Allgäuer beim Mannheimer Podcast Eiszeit.fm mit der Mitteilung, dass es ihn vielleicht gar nicht zum olympischen Eishockey-Turnier ziehen werde: „Ich überlege und habe noch nicht entschieden, was ich mache. Was gerade abgeht, geht an keinem vorbei.“ Er habe den Fernsehauftritt der deutschen Rodler mitbekommen, neulich im Sportstudio, wo Tobias Arlt vom Weltcup in Peking erzählte. Nach einem wohl falsch positiven Coronatest war Arlt mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren worden. Trotz der Entwarnung, dass er sich das Virus nicht eingefangen hatte, wurde er für drei Tage in ein Quarantänehotel verfrachtet, er filmte das tote und das noch krabbelnde Kleingetier auf seinem Zimmer. Arlt kam sich vor „wie ein Gefangener“.

Er hatte noch Glück, dass er relativ schnell wieder frei kam und bei seinem Wettkampf starten durfte – doch bei den Olympischen Spielen drohen im Fall einer Covid-19-Infektion den betroffenen Sportlern bis zu 21 Tagen der Isolation. Der schwedische NHL-Torhüter Robin Lehner (Vegas) hatte darum schon abgesagt, ehe die NHL und ihre Spielergewerkschaft NHLPA kurz vor Weihnachten die Peking-Zusage zurückzogen. Es wäre eine reale Gefahr gewesen in einer Zeit, in der die infektiöse Omikron-Variante grassiert: Dass ein Spieler das Olympia-Turnier im Hotelzimmer zu verbringen hat und vorerst gar nicht mit seinem Team zurückreisen kann, sondern über die Spiele hinaus in China bleiben muss. In der NHL würde er Partien verpassen – und für die Zeit des Ausfalls keinen Lohn bekommen.

Lohnt es sich, all die Risiken einzugehen? Das ist nun auch eine Frage für DEL-Spieler wie Eisenschmid. Da Bundestrainer Toni Söderholm die in Übersee tätigen Leon Draisaitl, Moritz Seider, Philipp Grubauer, Tim Stützle, Nico Sturm, Leon Gawanke. Marc Michaelis, Lukas Reichel und John-Jason Peterka nicht nominieren kann, sind neun Plätze, die wohl besetzt gewesen wären, neu zu vergeben. Was bedeutet: Söderholm kann im Wesentlichen auf sein Team setzen, das bei der WM im Mai 2021 in Riga Platz vier erreichte und das er „eine der drei wunderbarsten Mannschaften, die ich erlebt habe“ nannte.

Die damals aus Nordamerika gekommenen Dominik Kahun, Tobias Rieder und Tom Kühnhackl spielen mittlerweile in Europa (Schweiz, Schweden), dazu kann auf den bei der WM verletzten Münchner Patrick Hager und seinen damals ausgelaugten Kollegen Yasin Ehliz zurückgegriffen werden. 2018 gewann Deutschland in ähnlicher Konstellation (Turnier ohne NHL-Beteiligung) sensationell die Silbermedaille, 2022 ist es eine nicht unrealistische Erwartung, wieder weit zu kommen.

Was aber anders ist als vor vier Jahren: Eine Pandemie hat die Welt im Griff, und in der DEL, die 56 statt vormals 52 Spieltage unterbringen muss, sind etliche Teams, auch München, durch Corona-Ausbrüche derart in Verzug geraten, dass Nachholtermine schon nah an Olympia aufgesetzt wurden.

Der EHC ist im Stress: Heute in Schwenningen, am Donnerstag gegen Iserlohn, am Sonntag in Wolfsburg, in einer Woche Champions League gegen Tampere. Das geht so durch bis 30. Januar. Auch für Mannheim. Dann ist Peking – oder auch nicht. Eisenschmid will „entscheiden, wenn es so weit ist“.

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