Geplatzter Eishockey-Traum

Die NHL braucht Olympia nicht mehr

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Was man fast vergisst: Leon Draisaitl hat bereits fünf A-Weltmeisterschaften mit der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bestritten, seine letzte 2019 in der Slowakei. Wenn es versicherungstechnisch irgendwie möglich ist und er mangels Erfolg seiner Edmonton Oilers teilnahmen kann, dann kommt der Kölner auch. Nur fanden besagte fünf WM-Turniere vor seinem für die breite Öffentlichkeit greifbar gewordenen Durchbruch mit den Fabelwerten in der NHL und der Auszeichnung als bester Spieler des Planeten statt. Es wäre also etwas gewesen, auf das man sich mit jeder Faser seines Körpers hätte freuen können: ein deutsches Dream Team beim olympischen Eishockey-Turnier 2022 in Peking. Draisaitl, der fantastische junge Verteidiger Moritz Seider, der Scheibenfänger Philipp Grubauer, der außergewöhnlich begabte Tim Stützle, noch einige andere von drüben plus eine Generation selbstbewusster Profis aus der DEL – was für einen gewaltigen Auftritt das deutsche Eishockey hätte haben können. Mit der Absage der NHL für Peking hat sich das erledigt. Dem Olympia-Turnier werden wie schon 2018 die großen Namen fehlen.

Vermehrte Coronafälle, Verzug im Spielplan, die gefürchteten Quarantäne-Bedingungen in China – die NHL fand offizielle Gründe, die Ausstiegsklausel in den Verträgen wahrzunehmen. Allerdings schienen darüber viele auch froh zu sein. Eine Olympia-Teilnahme mit den Nationalmannschaften war in erster Linie ein Anliegen der Spieler, die Liga und die Club-Besitzer waren dagegen nicht angetan: Für sie ist es vorrangig, durchlaufende Einnahmen zu erzielen und nicht in der interessantesten Zeit des Jahres die Arenen für drei Wochen zusperren zu müssen. Und: Die Welt ist eine andere als 1998, als die NHL sich erstmals zu Olympia (ins japanische Nagano) bequemt hatte. Es ging um die Erschließung neuer Märkte, man musste sich dafür vor Ort zeigen. Heute, wo jeder heldenhafte Clip aus jedem NHL-Spiel in Sekundenschnelle überall sein Publikum findet, braucht die Liga sich nicht mehr leibhaftig bekannt zu machen. Dazu kommt: Asien, die Zeitverschiebung – live sendet man an den Fans vorbei. Interessant ist für die NHL allenfalls der eigene Kontinent – oder Europa.

2026 wird Olympia in Italien stattfinden. Man wird wieder auf die Attraktion NHL hoffen. Und auf Leon Draisaitl. Und bei der einen oder anderen WM bis dahin – gerne.

Guenter.Klein@ovb.net

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