Oberstdorf – Er ist seit vergangenem Winter der Mann an der Fahne bei Österreichs Skispringern. Und seit Andreas Widhölzl, den allle nur den „Swida“ nennen, Regie führt, nähern sich Austrias Adler langsam aber sicher wieder alter Stärke. Und der 45-Jährige, der die Vierschanzentournee 1999/00 selbst als Springer gewann, geht dem ersten Saisonhighlight mit entsprechend breiter Brust entgegen, wie er im Interview erklärte.
Was kommt bei den ersten Schritten in Oberstdorf hoch? Noch im Herzen der Athlet oder der Trainer?
Oh, das ist eine gute Frage. Ich denke, es ist schon mehr der Trainer. Das ist ein bisschen stressfreier als als Athlet. Wobei die Vorfreude eigentlich die gleiche ist. Das ist das Interessante, dass ich mit der Tournee eigentlich nur Positives verbinde. Klar, ich habe sie selbst auch gewinnen können. Aber ich bin auch einige Male hierher gefahren und habe eine ordentliche Watschn bekommen. Und trotzdem war die Tournee immer die Tournee, nie a Schaß.
In den vergangenen Jahren bestand das österreichische Team aus Stefan Kraft. In der letzten Saison brach auch der zeitweise nach einer Corona-Erkrankung weg. Alleine ist Kraft jetzt nicht mehr…
Das stimmt. Wir haben mit Kraft und Jan Hoerl schon zwei Sieger in dieser Saison. Wobei man aber sagen muss: Es war ja nicht nur Kraft, der letztes Jahr ausgefallen ist. Das ganze Team war krank. Die meisten kamen praktisch aus dem Bett oder aus der Quarantäne zur Tournee. Das hat uns sicher ein besseres Ergebnis gekostet.
Zu den Kranken gehörten auch Sie. Sie berichteten im vergangenen Jahr noch über Probleme beim Treppensteigen. Wie hat sich Corona entwickelt?
Mittlerweile geht es eigentlich ganz gut. Ich habe noch ein bisschen Probleme mit Geruch und Geschmack aber zumindest keine körperlichen Einschränkungen mehr. Damit kann ich ganz gut leben.
Und die Mannschaft?
Denen geht es eigentlich allen gut. Überhaupt denke ich, wir haben ganz gute Voraussetzungen jetzt. Stefan Kraft hat endlich mal wieder im Sommer trainieren können. Er ist vielleicht kein Topfavorit – das sind Kobayashi und Karl Geiger für mich – aber ich traue ihm alles zu. Und dahinter haben wir ein junges, kompaktes Team. Jan Hoerl hat schon gewonnen. Daniel Huber hat schon oft gezeigt, dass er sehr gut springen kann. Und mit Daniel Tschofenig haben wir einen ganz jungen, mit 19, der zuletzt in Engelberg auch schon Zehnter geworden ist. Das ist ein richtig gutes Team, in dem es auch einfach passt.
Erste Früchte ihrer Arbeit?
Teils, teils, würde ich sagen. Ein Daniel Huber zum Beispiel hat sich in den letzten 2-3 Jahren selbst kontinuierlich verbessert und nach oben entwickelt. Bei Jan Hoerl haben wir tatsächlich seit dem Frühjahr intensiv an der Anfahrtsposition gearbeitet. Der hat einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Wir arbeiten schon akribisch. Aber das tun die anderen dummerweise auch.
Mit Kraft haben Sie zumindest einen Mitfavoriten in den Reihen. Wie wichtig wäre ihnen der Tourneesieg als Trainer?
Ganz klar, ich will ihn haben. Klar möchte ich als Trainer, dass wir einen guten und kompakten Auftritt als Team haben. Aber natürlich will ich den Tourneesieg haben. Und ich weiß, dass es möglich ist. Vielleicht sind wir nicht die absoluten Topfavoriten, aber bei einer Tournee spielen so viele Faktoren eine Rolle. Da kann immer auch einer im Rampenlicht stehen, mit dem man vielleicht nicht so gerechnet hat. Jetzt in Oberstdorf sind die Wetteraussichten ja nicht so gut. Es soll eher regnerisch werden. Selbst das kann eine Rolle spielen.
Zum Abschluss würden wir gerne eine Wissenslücke schließen. Man nennt sie seit jeher den „Swida“. Woher kommt der Spitzname?
Die Wissenslücke wird leider bestehen bleiben. Zumindest was der Name bedeutet. Denn das weiß ich selber nicht. Ich war mit 14 bei einem Schüler-Grand-Prix in Garmisch-Partenkirchen. Da hat mich einer plötzlich so genannt. Warum, und das das bedeutet, das weiß ich nicht. Das Lustige ist: Das weiß der selbst nicht mehr. Aber geblieben ist der Name trotzdem. Eigentlich höre ich auf „Swida“ heute schon mehr als auf Andreas oder Herr Widhölzl.
Interview: Patrick Reichelt