Probleme abseits des Platzes

Die zwei Gesichter des FC Bayern

von Redaktion

NICO-MARIUS SCHMITZ

Es war mal wieder ein Jahr der Rekorde für den FC Bayern. 116 Bundesliga-Tore im Kalenderjahr 2021 – Robert Lewandowski erzielte 69 Pflichtspieltreffer –, 56 davon in der Hinrunde der aktuellen Saison. Kein Wunder, dass Karl-Heinz Rummenigge schon im November ankündigte, die Meisterschale könne langsam schon mal entstaubt werden. Die Bayern sind in der Bundesliga konkurrenzlos, und halten international seit Jahren die deutsche Fahne eindrucksvoll hoch. Auch die sechs Siege in sechs Vorrundenspiele der Champions League waren schließlich ein neuer Rekord. Präsident Herbert Hainer fragte daher in einem Weihnachtsbrief an die Angestellten freudetrunken: „Sportler-Herz, Bayern-Herz: Was willst du mehr?“

Ganz so rosig, wie Hainer die Welt des FC Bayern malt, ist es dann aber doch nicht. Das liegt an den zwei Gesichtern des deutschen Rekordmeisters. Auf dem Platz liefern die Spieler Woche für Woche Topleistungen ab. Und dann gibt es da die Funktionäre, die auch im Jahr 2021 ein eher fragwürdiges Bild abgegeben haben. Das begann schon im Februar, als das Flugzeug der Münchner Richtung Doha zur Club-WM erst mit siebeneinhalb Stunden Verspätung starten durfte. Anstatt den Sinn einer solchen Reise während einer Pandemie zu hinterfragen, fühlte sich Rummenigge „total verarscht“. Uli Hoeneß sprach gar von einem „Skandal ohne Ende“. Ja, die Bayern sehen schnell Skandale, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Aber dort, wo wirklich Skandale passieren, schaut man lieber weg. Auch 2021 hat es kein Bayern-Funktionär geschafft, die Missstände in Katar (Menschenrechtsverletzungen, ausgebeutete Gastarbeiter, fehlenden Pressefreiheit …) deutlich anzusprechen. Während Hoeneß gegen die Investoren von Clubs wie Paris Saint-Germain oder Man City schoss – „Euer scheiß Geld, das reicht nicht!“ –, bezeichnete Rummenigge die Millionen von Sponsor Qatar Airways als „gutes Geld“. Die Courage in München reicht offenbar nur aus, um gegen Konkurrenten wie Dortmund zu schießen. Beim Thema Katar wird auch der einstige Titan Oliver Kahn handzahm, denn natürlich ist der Vertrag mit der Fluglinie lukrativ.

In seinem Weihnachtsbrief lobte Hainer den „starken Zusammenhalt“ innerhalb der Bayern-Familie. Stimmt, nach einer Jahreshauptversammlung, die den tiefen Riss zwischen den leidenschaftlichsten Anhängern sowie der Führung des Vereins offenbarte und sogar in „Hainer raus“-Rufen gipfelte, von Zusammenhalt zu sprechen, ist höchst glaubwürdig. Spätestens bei der JHV sollten dann auch der ehemalige Adidas-Boss Hainer und Unternehmer Kahn gemerkt haben, dass man einen Fußballverein nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen führen kann. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Leistung der FCB-Funktionäre im Jahr 2022 wieder etwas mehr jener der Spieler annähert.

nico.schmitz@ovb.net

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