Angriff auf den Unerschütterlichen

100. NEUJAHRSSPRINGEN Geiger & Co. wollen beweisen: Kobayashi ist schlagbar

VON PATRICK REICHELT

Garmisch-Partenkirchen – Donnerstagmorgen war bei den deutschen Skispringern schon wieder ein bisschen Alltag angesagt. Bundestrainer Stefan Horngacher beorderte sein Team noch einmal zum Krafttraining in die Halle. Dann zog man nach Garmisch-Partenkirchen weiter, wo die Tournee am Freitag (14.00 Uhr/ZDF, Eurosport) auf der Olympiaschanze mit der Qualifikation für das Neujahrsspringen weitergeht.

Dort hätte man die weltbesten Flieger ja gerne mit einer großen Party empfangen. Denn auf der Olympiaschanze heißt es nicht nur 70 Jahre Tournee, sondern 100 Jahre Neujahrsspringen. Geblieben ist Pandemie-bedingt nur die große 100, die neben dem Schanzentisch in Richtung Tal grüßt. Die Fangemeinde muss aus der Ferne von jenseits der „Bannmeile“ rund um das Stadion zuschauen. Die große Sause muss bis zum nächsten Jahr warten.

Doch eigentlich kommt die Sache den deutschen Springern ganz gelegen. Die Stimmung war nach Platz fünf für Karl Geiger nicht schlecht, aber eben auch nicht überbordend. Bei Markus Eisenbichler konnte man das heraushören. „Jetzt werden sich die Medien wieder zerreißen“, sagte der Siegsdorfer nach Teil eins der Tournee.

Tatsache ist: Man ist beim ersten Saison-Highlight nun der Jäger, Horngacher will die Seinen dementsprechend aus dem Verborgenen wieder zum Angriff blasen lassen. Das klingt bei dem Tiroler dann so: „An Neujahr treten wir wieder voll aufs Pedal.“

Das Dumme daran ist, dass man es mit einem Gegner zu tun hat, der langsam aber sicher zu der Unerschütterlichkeit der Saison 2018/19 zurückzufinden scheint. Ryoyu Kobayashi kam zur Tournee und siegte. Und er fühlt sich in seiner Position pudelwohl. „Ich freue mich, dass ich aus der Führungsposition springen kann“, ließ er seinen Übersetzer Markus Neitzel ausrichten. Druck? „Lasse ich nicht an mich ran, ich fokussiere mich ganz auf mich selbst.“

Wohl wissend, dass er den Auftaktsieg sogar trotz eines Nachteils eingeflogen hat. In der Anlaufspur war der kleine Japaner merklich langsamer gewesen als die Konkurrenz – vor allem als die Norweger, die vor der Tournee noch einmal an der Anfahrtsposition nachjustiert hatten. „Da muss ich etwas machen“, kündigte Kobayashi an. Was das in der Kürze der Zeit sein könnte, wollte er indes nicht verraten.

Und die Deutschen? Hielten sich an der Erkenntnis fest, dass zumindest Karl Geiger nicht viel verloren hat, auf dem Weg auf eine Schanze, „die ihm besser liegt“, wie Horngacher befand. Das mag so sein, in den beiden vergangenen Jahren war Geiger auf der Olympiaschanze als Fünfter (2021) und Zweiter (2020) zumindest bester Deutscher. Der erste Sieg, es wäre übrigens der erste Triumph eines DSV-Springers am Neujahrstag seit – natürlich – Sven Hannawald 2002, käme vor dem Umzug der Tournee nach Österreich natürlich gerade recht.

So weit denkt Rückkehrer Severin Freund natürlich nicht. Der Münchner reiste nach seiner Disqualifikation zum Auftakt ziemlich ernüchtert nach Partenkirchen weiter. Wohl vor allem darüber rätselnd, wie es zu dem Malheur um seinen nicht regelgerechten Springeranzug hatte kommen können. Glaubt man Stefan Horngacher, dann könnte der beharrliche Regen Freunds Weltcup-Comeback so vermiest haben. „Es ist möglich, dass sich das Material dann ein bisschen weitet“, sagte er, „das war sehr sehr bitter für ihn.“

Regen immerhin, werden Freund und Kollegen an der zweiten Tournee-Station eher nicht zu erwarten haben. Für den Neujahrstag sagen die Meteorologen in Garmisch-Partenkirchen schönes, frühlingshaftes Wetter mit bis zu 14 Grad voraus.

Samstag, 11. Juli 2026
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