Belek – Waage war gestern. Der moderne Schrecken von Fußballprofis ist klein, leicht und aus Watte. Beim FC Bayern hatten die Corona-Abstriche nach der Winterpause unliebsame Ergebnisse hervorgebracht, beim Drittligisten von nebenan verlief die Testung vor dem Wiedereinstieg weniger aufregend.
Die latente Sorge der 1860-Verantwortlichen, dass auch ein Löwe den Neuer machen und sich isolieren muss, erwies sich als unbegründet. Lediglich Dauerpechvogel Kevin Goden blieb als COVID-Kontaktperson in München, als die Mannschaft nach den Antigen-Tests auf dem Vereinsgelände zum Flughafen aufbrach, um mit SunExpress Sonntagmittag nach Antalya abzuheben. Zielort an der türkischen Riviera: Belek. Die dortige Fünf-Sterne-Herberge Sueno Deluxe dient als Zufluchtsort für den Sechs-Tage-Trip hinaus aus dem deutschen Omikron-Winter.
Mitgereist ist die Frage, was die Löwen nun sind: mutiger als viele Konkurrenten, die in heimischen Gefilden bleiben? Oder leichtsinniger als zum Beispiel Pokal-Opfer Schalke 04, das ebenfalls Belek gebucht, aber kurz vor Silvester abgesagt hatte. Die offizielle Begründung von Sportdirektor Rouven Schröder: „Wir müssen unserer Verantwortung gegenüber allen Mitarbeitern gerecht werden.“ Schließlich hätten die Risiken der Reise zuletzt omikronbedingt „deutlich zugenommen und den möglichen Nutzen überstiegen“.
Laut Trainer Michael Köllner sei eine Absage bei 1860 „nie zur Debatte“ gestanden. Einen Grund dafür nannte Sportgeschäftsführer Günther Gorenzel, der stets vorbildlich FFP2-Maske trägt und noch nie im Verdacht stand, etwaige Corona-Maßnahmen auf die leichte Schulter zu nehmen. „Da bei uns alle einen vollständigen Impfschutz haben, ist bei uns nach der Rückreise keine Quarantäne zu erwarten“, sagte der selber schon länger geboosterte Österreicher zu unserer Zeitung: „Das größte Risiko ist momentan im privaten Bereich. Auch weil wir uns unten (in Belek/Red.) komplett isolieren.“
Seitenhiebe auf Schalke (Vermutung: nicht alle Profis geimpft) und Bayern („Kommentiere ich nicht“) verkniff sich Gorenzel. Lieber äußerte er sich über das eigene Team. Die negative Testreihe spreche ganz klar „für die Disziplin der Mannschaft“, sagte er – „und für die Maßnahmen, die wir den Spielern mitgeben“. Das gemeinsame Ziel, sich doch noch mal im Aufstiegskampf anzumelden, dürfe nicht in Gefahr geraten. „Für mich ist es nicht nur eine Meisterschaft am grünen Feld, sondern auch außerhalb“, sagt der Sportchef: „Wer am wenigsten Spieler in Quarantäne hat, ist natürlich klar im Vorteil.“
Und was ist das Ziel der Sportlichen Leitung für die sechs Tage in Belek? „Es geht darum, die Dinge, die wir in den letzten Spielen gemacht haben, zu verfeinern. Du musst abwägen zwischen Chancen und Risiko – und die Chance ist einfach groß, dass die Mannschaft zusammenrückt und sich intensiv über 24 Stunden am Tag auf die Rückrunde vorbereitet.“
Letztlich ist sogar Goden noch nicht für Belek abgeschrieben. Laut Köllner wartet der Verein ab, welche Variante bei den Tests im Umfeld des früheren Nürnbergers diagnostiziert wird. Kann Omikron ausgeschlossen werden, darf der geimpfte Spieler nachreisen, was sicher nicht zu seinem Nachteil wäre. Gorenzel: „Der Trainer hat heute in der Mannschaft die nächsten Schritte ausgegeben. Und natürlich geht es auch darum, dass die Mannschaft als Gruppe zueinander findet.“ ULI KELLNER