Als der große Traum vom goldenen Adler für Karl Geiger im (Kunst-)Schnee von Garmisch-Partenkirchen liegen geblieben war, da brach sich der Zorn beim deutschen Vorflieger Bahn. Es sprach für den Oberstdorfer, dass er nicht den Winden oder der Jury zürnte. Geigers Ärger richtete sich vor allem gegen sich selbst. Wieder war er mit großen Hoffnungen bei einer Tournee angetreten. Mit größeren denn je. Wieder blieb ihm das Ziel nicht einmal bis Bischofshofen erhalten.
Ähnlich wie im Vorjahr, als der Pole Kamil Stoch den Adler in den Pongauer Himmel stemmte, muss Geiger konstatieren, dass er wohl auch diesmal in Ryoyu Kobayashi einem Besseren unterliegen wird. Schwacher Trost, dass es vorher auch anderen Deutschen so ergangen war. Mal war es der Slowene Peter Prevc, mal Stoch und neben eben zum zweiten Male Kobayashi – mindestens einen überragenden Flieger hatten die deutschen Asse immer voraus. Sicher, Kobayashi muss die Tourneeführung auch erst ins Ziel bringen. Doch wer würde daran zweifeln wollen – der Japaner präsentiert sich schon wieder mit der Unerschütterlichkeit wie im Winter 2018/19. Und damals flog er am Ende als dritter Athlet der Geschichte zum Grand Slam.
Wenn auf den österreichischen Stationen nichts Außergewöhnliches passiert, dann wird Ryoyu Kobayashi die 70. Vierschanzentournee gewinnen. Womit auch die seltsame Serie des Deutschen Skiverbandes weitergehen wird. Dass die DSV-Adler zwar Gold in Serie bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften einfliegen können, aber eben nicht den Tourneesieg.
Die Frage nach dem Warum, wurde in den letzten Tagen viel gestellt. Man ahnt: Es ist eine Typenfrage. Springer wie Geiger, Markus Eisenbichler, Andreas Wellinger oder Severin Freund haben oder hatten das Zeug, bei einem Tagesereignis alles überragende Leistungen abzurufen. Was Kobayashi bislang übrigens noch nicht gelang. Doch sich über zehn Tage von allen Nebengeräuschen der Tournee zu befreien und stabil am Limit zu springen – das haben andere den Deutschen voraus.
So gesehen ist es ja nur gut, dass in diesem Winter noch zwei andere Großereignisse anstehen. Die Olympischen Spiele in Peking und die Skiflug-Weltmeisterschaft in Vikersund. Dort werden die Medaillen wieder tagesaktuell vergaben. Irgendwie beruhigend.
patrick.reichelt@ovb.net