München – Auch zwei Jahre nach seinem Rückzug aus der ersten Reihe des FC Bayern nimmt der Rekordmeister immer noch eine zentrale Rolle im Leben von Uli Hoeneß ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagt Hoeneß im Interview zu seinem 70. Geburtstag am Mittwoch (5. Januar).
Herr Hoeneß, zu Ihrem 60. Geburtstag hat der FC Bayern ein großes Fest ausgerichtet. Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag in Corona-Zeiten feiern?
Damals gab es zwei Feiern, eine des FC Bayern – ein tolles Fest. Daneben hatte ich privat ein Fest mit 150 Leuten ausgerichtet. Das wird diesmal alles wegfallen.
Wie verbringen Sie dann Ihren Ehrentag?
Wir sind zuhause. Mein Bruder Dieter wird kommen. Wir werden die Regeln einhalten, kleiner Kreis, ein schönes Essen, das war’s. Allerdings ist klar: Das wird nachgeholt.
Wenn Sie auf 70 Lebensjahre zurückblicken, fühlen Sie sich dann als ein Glückskind?
Natürlich bin ich ein Glückskind, wenn ich zum Beispiel alleine daran denke, dass ich mal als Einziger einen Flugzeugabsturz überlebt habe (1982). Und auch sonst, obwohl ich auch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Wer ist schon mit 23 Jahren praktisch fertig? Nach meiner schweren Knieoperation 1975 habe ich zwar weitergespielt, bis ich 27 war. Aber das war nicht mehr der Uli Hoeneß, der ich vorher war.
Gibt es Dinge, die Sie aus Ihrer Vita gerne streichen würden, etwa Ihre Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung?
Das ist auf jeden Fall ein Makel, den ich selbst zu verantworten habe. Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Aber es haben damals viele Leute respektiert, auch solche, die mich kritisch sehen, dass ich nicht in Revision gegangen bin – gegen den Rat meiner Anwälte. Das hätte Jahre dauern können, aber meine Familie und ich hatten in der Nacht nach dem Urteil entschieden, dass ich ins Gefängnis gehe.
Das letzte öffentliche Bild von Ihnen ist das von der Jahreshauptversammlung der Bayern im November. Warum haben Sie am Ende doch auf Ihren Redebeitrag verzichtet?
Als es zum Schluss so turbulent wurde, wie es dem FC Bayern nicht gut zu Gesicht steht, habe ich mir überlegt: Jetzt gehe ich da hoch. Aber das Mikrofon war schon ausgeschaltet. Es hätte ein, zwei Minuten gedauert, um den Saft wieder aufzudrehen. In dieser Zeit habe ich mir dann gedacht: Wenn ich jetzt etwas sage, wird das in diesem Ambiente eher kontraproduktiv.
Wie würden denn Sie die Problematik Katar und den Sponsorenvertrag mit der staatlichen Fluglinie lösen?
Das ist ein ganz elementares Thema, auch für die Zukunft des Vereins. Ich habe neulich mit einem der größten deutschen Wirtschaftsbosse gesprochen, dessen Konzern eine Studie erstellt hat, laut der in nur sieben Prozent der Länder auf der Welt die Menschenrechte tatsächlich so sind, wie es sich die meisten vorstellen. Man muss das realistisch sehen, wie klein die Welt allein nach diesen Maßstäben wäre. Aber dann würde es sehr schwer werden.
Als Verein?
Ja, sportlich gesehen. Wir haben in Deutschland gravierende wirtschaftliche Nachteile gegenüber den von Investoren und Staatsfonds finanzierten internationalen Vereinen, in die Geld ohne Ende gepumpt wird. Irgendwann könnte der Punkt kommen, an dem unsere Fans – und übrigens auch die Medien – akzeptieren müssten, dass die deutschen Fußballmannschaften international keine Rolle mehr spielen.
Geld vor Moral, also?
Ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass der FC Bayern in Katar ein Trainingslager abhält, so wie zum Beispiel jetzt im Winter, dazu führt, dass es dort schlechter wird. Im Gegenteil. Der Besuch unserer FC-Bayern-Frauen treibt den Prozess der Gleichberechtigung voran. Die Devise lautet: Veränderung durch Annäherung. Meine Überzeugung ist, man muss dort präsent sein.
Sie würden also erwägen, die Partnerschaft mit Qatar Airways über 2023 hinaus zu verlängern?
Das habe nicht ich zu entscheiden. Ich persönlich würde zu einer Verlängerung tendieren, wenn wir das Gefühl haben, dass wir mit dieser Partnerschaft einen Beitrag leisten können, dass sich die Dinge vor Ort verbessern und weiter verbessern werden.
Bei drei Leitfiguren über 30 laufen Mitte 2023 zeitgleich die Verträge aus. Würden Sie mit Manuel Neuer (35), Robert Lewandowski (33) und Thomas Müller (32) nochmals verlängern?
Derzeit kann ich mir die Jahre 2024 und 2025 ohne dieses Trio nicht vorstellen. Ich bin beim FC Bayern nicht mehr auf dem driver’s seat. Aber ich denke, dass Oliver Kahn, Hasan Salihamidzic und Herbert Hainer sich der Thematik bewusst sind und versuchen werden, mit diesen Spielern zu verlängern.
Was zeichnet Neuer, Lewandowski und Müller aus?
Das sind drei verschiedene Persönlichkeiten, aber sie alle eint, dass sie für den FC Bayern alles geben. Das Schöne an unserer Mannschaft ist, dass wir generell sehr viele verschiedene Charaktere haben – und viele davon höchst intellektuell. Wenn ich höre, was Leon Goretzka zu gesellschaftlichen Themen so von sich gibt. Oder ein Thomas Müller, der sagt ja immer das Richtige. Und Manuel oder Robert sind im Laufe der Jahre zu absoluten Führungsfiguren geworden.
Kontinuität als Erfolgsfaktor?
Bei uns ist etwas Großes gewachsen. Manchester United versucht, die Mannschaft nach der Verpflichtung von Cristiano Ronaldo auf ihn auszurichten. Paris Saint-Germain muss Lionel Messi neben Kylian Mbappé und Neymar installieren – beim FC Barcelona hat er jeden Ball gekriegt, das ist nun also eine große Umstellung. Das sind drei starke Typen und so gute Spieler, dass man für sie eigentlich drei Bälle bräuchte. Bei uns hoffe ich jetzt, dass es auch gelingt, Kingsley Coman oder Serge Gnabry, der ein ganz wichtiger Spieler ist, über 2023 hinaus zu halten.
Interview: dpa/sid