Belek – Zwei Drittliga-Rivalen aus München, in der Tabelle acht Punkte voneinander getrennt, in Belek eine Viertelstunde mit dem Taxi – und Welten, was die jeweilige Vereinsphilosophie angeht. Während die Löwen seit zwei Jahren auf Michael Köllner als Trainerkonstante setzen, hat Türkgücü in der Winterpause Andreas Heraf, 54 verpflichtet, den fünften Chefcoach binnen eines Jahres. Der Wiener packt gleich mal seinen Schmäh aus, als er die Interviewgäste im Teamhotel empfängt, versteckt die Taktiktafel hinter einem Stuhl, lächelnd rufend: „Deppert bin i ned…“ Ist schließlich nur zwei Wochen hin bis zum ersten Derby. Seine groben Ideen, wie er tickt als Trainer, woher er 1860-Sportchef Günther Gorenzel kennt – all das verrät er jedoch, der frühere Nationalspieler und Nachwuchschef des ÖFB.
Herr Heraf, wie waren die Reaktionen in der Heimat auf Ihren neuen Trainerjob? Eher wohlwollend oder nach dem Motto: „Bist du narrisch?“
Genau so (lacht).
Und wie war Ihre Reaktion, als Sie vor Weihnachten von Türkgücü kontaktiert wurden?
Ich empfinde es immer als Ehre, wenn mich ein Verein kontaktiert. Mir war klar: Ich will nach Deutschland. An die Bundesliga oder 2. Liga hab ich weniger gedacht – ich bin ja kein Fantast. Aber die 3. Liga ist auch voll okay. Ich bin überzeugt von dem, was ich kann – und dass es bei Türkgücü funktionieren kann. Für mich ist es keinesfalls ein Abstieg.
Zuletzt waren Sie beim österreichischen Bundesligisten SV Ried. Warum ist es dort zu Ende gegangen?
Ich war wegen meiner Stimmbänder vier Wochen im Krankenstand. Offenbar waren Sie zufrieden, wie es ohne mich lief. Im Gespräch danach hat mir die Klarheit gefehlt, daher habe ich es abgekürzt. Halbe Geschichten sind nicht mein Ding. Ich bin ja allgemein geradlinig drauf.
Auch als Trainer? Stimmt das Schleifer-Image?
Schleifer ist das falsche Wort, aber mir eilt der Ruf voraus, ein bisschen unbequem zu sein. Wobei viele Leute unbequem mit geradlinig verwechseln. Ich bin ein Freund davon, die Dinge offen und ehrlich anzusprechen, was in der heutigen Zeit nicht mehr alle Menschen vertragen.
Dann sagen Sie doch mal ehrlich: Wie gut ist der Kader von Türkgücü?
Ich sag’s mal so: Wenn du 16. bist, kommt das nicht von ungefähr. Dann ist ja was passiert. In unserem Fall: Zu viele Gegentore, speziell nach Kontern und Standards. Wenn wir allein diese Bilanz umdrehen, hätten wir zehn Punkte mehr. Überall hört man: Türkgücü hat Qualität. Aber ich habe auch in den Gesprächen herausgehört, dass es hier durchaus eine härtere Hand sein darf.
Der Schleudersitz bei Türkgücü schreckt Sie nicht?
Das wusste ich. Man liest ja auch Zeitung oder informiert sich im Internet. Dem Verein eilt dieser Ruf voraus, mir der Ruf, unbequem zu sein. Passt doch. Und anders gefragt: Welcher Stuhl im Fußball ist kein Schleudersitz? Von dem in Freiburg abgesehen. Vielleicht haben die Trainer bei Türkgücü etwas früher gewackelt als anderswo, aber wennst nix g’winnst, bist überall in der Kritik. Fußball ist nun mal Leistungssport.
Sind Sie ein Trainer, der für schnelle Hilfe steht?
Das wird man sehen. In Ried haben wir in meinem ersten Spiel nach 0:2-Rückstand 3:2 gewonnen und auch danach von zehn Spielen nur eines verloren. Davor war die Bilanz ähnlich wie hier: Nur drei Punkte aus acht beziehungsweise zehn Spielen.
In Ihrem zweiten Spiel geht es gleich gegen 1860. Mit Michael Köllner hatten Sie bei einem Testspiel mit Ried einen kleinen Disput. Und sonst? Welche Berührungspunkte gab es?
Ach, das damals in Windischgarsten war halb so wild, ein Wortgefecht nach einer Grätsche. Beim FC Kärnten habe ich seinerzeit unter Schoko Schachner gespielt – und unter seinem Athletiktrainer Günther Gorenzel. Schade ist, dass ich beim UEFA-Cup-Duell 1996 mit Rapid Wien verletzt auf der Tribüne saß.
Am Freitag testet 1860 in Belek gegen Rostock. Schauen Sie vorbei?
Wenn sich die Möglichkeit ergibt . . . Ansonsten ist erst mal nur Halle in meinem Kopf. Das klingt zwar fad, aber im Derby gibt’s auch nur drei Punkte. Das Hinspiel hab ich gesehen: Türkgücü hätte es klar gewinnen müssen.
Schnell noch ein Blick auf die Tabelle: Schielen Sie wie 1860 auch nach oben?
Nein, das habe ich von Anfang an ganz klar gesagt: In dieser Saison kann nur noch der Klassenerhalt das Ziel sein. Die Erfahrung zeigt: Es sind schon bessere Teams als Türkgücü abgestiegen.
Aufgezeichnet: Uli Kellner