London – Vor der gigantisch großen Sid Waddell Trophy küsste Weltmeister Peter Wright seine Frau Joanne, direkt danach kündigte der Mann mit dem roten Irokesenschnitt eine neue Darts-Ära an. „Natürlich kann ich noch drei Weltmeisterschaften gewinnen, bevor ich zu alt bin“, sagte der 51 Jahre alte Schotte nach seinem Triumph in London, der ihm neben 500 000 Pfund (etwa 595 000 Euro) auch jede Menge Ruhm und Anerkennung einbringt. „Snakebite“ Wright erfährt dies nach seinem ersten Titel 2020 nun zum zweiten Mal.
Als er das rund 25 Kilogramm schwere Pokal-Prachtexemplar bei seinem nächtlichen Interviewmarathon präsentierte, sagte Wright stolz: „Sie ist zurück. Das ist meine Lady.“ Der für seine bunten Haare und bunten Kleider bekannte Paradiesvogel hat eine famose Saison gekrönt und liegt nun in der Weltrangliste nur noch rund 15 000 Pfund hinter Primus Gerwyn Price aus Wales. Das nächste Ziel ist klar: die erstmalige Eroberung des Spitzenplatzes. „Am Ende dieses Jahres sollte ich die Nummer eins sein und das als erster Schotte in der Geschichte“, betonte „Snakebite“ Wright.
Die ganz wilde Sause, die er nach seinem Premierentriumph vor zwei Jahren gegen den Niederländer Michael van Gerwen noch ankündigte, fiel diesmal nach Aussagen des Publikumslieblings aus. „Es gibt keine Party, aber ein oder zwei Tassen Tee“, sagte Wright. Er sei einfach zu alt dafür. Für das Duell an der Scheibe galt das beim packenden 7:5-Finalsieg gegen den Engländer Michael Smith nicht, dort setzte sich die Erfahrung durch. „Der alte Mann ist immer noch da“, sagte der glückliche Wright.
Er ist nun zweimaliger Weltmeister, aktueller Team-Weltmeister und Gewinner des World Matchplay, das als zweitwichtigstes Turnier des Jahres gilt. Wright gehört neben dem Engländer Phil Taylor (14 Titel), van Gerwen (drei Titel) sowie Landsmann Gary Anderson, Englands Adrian Lewis und Kanadas John Part (je zwei Trophäen) zum illustren Kreis der Spieler, die mehrere Male den wichtigsten Pokal des Weltverbandes PDC erobert haben. Noch auf der Bühne betätigte sich der Schotte als Tröster seines Gegners Smith, der trotz eines furiosen Turniers mit Siegen über Price und Jonny Clayton weiter auf einen wichtigen Titel warten muss. Auf der größten Darts-Bühne der Welt weinte Smith hemmungslos, ehe ihn die knapp 3000 Fans im „Ally Pally“ und Wright wieder aufmunterten.
Schon 2019 hatte der „Bully Boy“ ein WM-Finale verloren, damals gegen den Niederländer Michael van Gerwen. „Halt den Kopf oben, Michael. Du weißt, dass du in Zukunft auch Weltmeister sein wirst“, sagte Wright. Der völlig frustrierte Smith kommentierte: „Mein nächstes Finale werde ich gewinnen. Mir haben nur noch zwei Sätze gefehlt.“ In der Arena im Norden Londons hatten sich zuvor bizarre Szenen zugetragen. Wright weinte, Smith weinte, plötzlich hüpfte Wright zu seiner Einlaufmusik „Don’t stop the party“ von Pitbull hin und her, gefeiert vom Publikum. Es war ein passender Schlusspunkt für eine WM mit großem Darts-Sport, aber auch reichlich Skurrilität mit einer vollen Halle in Zeiten der Corona-Pandemie und positiven Tests von Spielern, die unter anderen den niederländischen Ex-Weltmeister van Gerwen und Vorjahreshalbfinalist Dave Chisnall aus England aus dem Turnier nahmen. Die PDC geriet in diesen drei Wochen so schwer in die Kritik wie nie zuvor. dpa