Ruhpolding – Fritz Fischer hat im Biathlon schon ziemlich alles erlebt. 1988 gewann der gebürtige Kehlheimer den Gesamtweltcup, 1992 wurde er als Staffel-Schlussläufer Olympiasieger, später war Fischer als Bundestrainer der Nationalmannschaft im Einsatz, trainierte den Biathlon-Nachwuchs, arbeitete als Scout, 2006 wurde er als „Botschafter des bayerischen Sports“ ausgezeichnet. Nicht nur in seinem Wohnort Ruhpolding, wo er ein eigenes Biathlon-Camp betreibt, gilt Fritz Fischer als Biathlon-Legende. Wir unterhielten uns mit dem 65-Jährigen zum heutigen Start der Ruhpoldinger Weltcup-Woche, die erstmals ohne Zuschauer stattfinden wird.
Fritz Fischer, das Biathlon durchlebt gerade in Ruhpolding schwierige Zeiten. Vor einem Jahr fiel der Weltcup ganz aus, diesmal gibt es nur Geisterrennen. Wie groß ist Ihre Vorfreude?
Die ist schon da. Wir leben mit Corona ja schon seit zwei Jahren. Nicht nur im Sport. Sondern das ist unser Alltag geworden. Man muss damit leben. Und es werden bei den Ruhpoldinger Rennen immerhin Millionen am Fernseher zuschauen. Da muss jeder umso mehr seine Leistung bringen und die Zuschauer noch mehr vor dem TV-Gerät fesseln. So, dass die sagen: Die Biathleten sind einfach geile Typen.
Trotzdem: Die Biathlon-Party die über Jahrzehnte den ganzen Ort erfasste, fällt erneut aus. Das hat auch Auswirkungen auf den für Ruhpolding so wichtigen Tourismus. Wie ist die Stimmung im Ort?
Die Zimmervermieter jammern natürlich. Aber man merkte von Monat zu Monat auch, dass immer mehr sagen: Wir werden das überstehen. Und als Ruhpolding im Dezember spontan die Biathlon Challenge von Schalke übernommen hat, ist gleich wieder die alte Euphorie aufgekommen. Ich habe zum Beispiel ein paar Freunde, die seit Tagen den Schießstand herrichten. Die sagen sich alle: Wir machen das für Athleten, wir wollen, dass die perfekte Bedingungen haben, wir stehen hinter den Sportlern. Eine Woche lang wird jetzt die Sportwelt auf uns schauen – und diese Stimmung merkt man auch im Ort. Natürlich gibt es welche, die das anders sehen – aber Jammern bringt uns jetzt nicht weiter. Trotz allem Negativen: Ich habe schon das Gefühl, dass am Himmel wieder ein paar blaue Flecken da sind.
Sie sagten bereits: Wichtig ist jetzt, dass die Sportler ihre Leistung bringen. Die deutschen Biathleten, gerade die Frauen, hatten zuletzt nicht allzu viele Erfolgserlebnisse. Das war über Jahrzehnte anders…
Gut, die Franzi Preuß hat sich verletzt, das ist Pech, da kann man nichts machen. Das kommt im Sport immer wieder vor. Und Denise Herrmann gelingt es momentan nicht, ihre beste Leistung abzurufen. Wenn die beiden gut drauf sind, können sie jedoch aufs Stockerl laufen. Ebenso wie bei den Männern der Johannes Kühn. Punktuell sind schon Erfolge da. Aber insgesamt muss man auch sagen: Wo sind die erfolgreichen Jahre der deutschen Biathleten geblieben? Tatsache ist auch, dass sich schon seit Jahren Nachwuchsprobleme abzeichnen.
Gibt es dafür eine Erklärung?
Wir haben in Deutschland viele Nachwuchsbiathleten. Aber ihre Qualität ist das andere. Ich finde, man könnte die Jungen ruhig mehr fordern. Schauen Sie sich doch den FC Bayern an: Der Julian Nagelsmann lässt den 16-jährigen Paul Wanner spielen… Bei uns im Biathlon heißt es dagegen bei einem 20-Jährigen: Ja, ist der denn schon so weit?
Wo würden Sie als Nachwuchstrainer ansetzen?
Das Wichtigste ist, dass der Athlet mehr Eigenverantwortung übernimmt. Die Top-Wintersportler der letzten Jahrzehnte, ob Magdalena Neuner, Kati Wilhelm oder Felix Neureuther – die wussten alle, was sie wollten. Junge Sportler müssen sich ab einem gewissen Alter einfach auch selbst fordern. Wir haben in Deutschland sicher ausreichend gute Talente. Aber man muss auch den Mut haben zu sagen: Wir gehen jetzt einen bisserl aggressiveren Weg. Das heißt: Da muss auch der Spaß an der höheren Belastung da sein. Die Sportler müssen sich sagen: Wir müssen schneller laufen, wir müssen konzentriert schießen, das ist mein Beruf. Ich weiß nicht, ob die vielen Analysen, die derzeit im Hintergrund gemacht werden, notwendig sind. Ich würde sagen: Lasst die Jungs und Mädels einfach nur laufen und schießen. Punkt.
Sie haben Ruhpolding einmal als Wimbledon des Biathlons bezeichnet. Lässt sich dieser Status auf Dauer halten?
Die Frage ist da zum einen: Müssen immer nur Deutsche vorn sein? In Wimbledon starten ja nicht nur englische Tennisspieler. Wie im Tennis ist es doch auch im Biathlon so, dass die Sportart an sich attraktiv ist. Und dann verbinden viele Fans mit Ruhpolding Werte wie: Tradition, Spaß, Freude, Stimmung. Die Kulisse, wenn die Zuschauer unmittelbar hinter den Schützen stehen, ist doch einmalig. Es fährt jeder gern her. Ob Sportler oder Fans. Aber man darf sich nicht auf die Bank setzen und sich sagen: Das wird schon wieder werden. Man muss sich die Zukunft – wie ein Sportler – hart erarbeiten. Mein Lieblingssatz ist: Biathlon ist eine Schule des Lebens. Und jetzt haben wir eine Krise, die Pandemie, und da ist es wichtig, dass man sich wieder rauszieht. Man muss die Lebenssituation annehmen und positiv nach vorne schauen. Nur so kommt man weiter.
Interview: Armin Gibis