München – Im Januar 2020 hatte Oliver Kahn (52) in der Münchner Allianz Arena seinen ersten offiziellen Auftritt als designierter Vorstandsvorsitzender des FC Bayern. Schon damals hatte er die Talent-Entwicklung zur Chefsache erklärt. „Eines der wichtigsten Themen beim FC Bayern München ist natürlich der Nachwuchsbereich. Auch hier haben wir uns zum Ziel gesetzt, absolute Spitze zu werden“, sagte Kahn damals. Es müsse wieder gelingen, „viele junge Spieler an die Profi-Mannschaft heranzuführen“ und „Identifikationsfiguren“ für die Fans zu schaffen.
Wie ernst es der ehemalige Welttorhüter mit der Talentförderung meint, zeigt ein Blick in das Strategiepapier des Zukunftsprojekts „FC Bayern AHEAD“. Mit einem sogenannten Strategiekreislauf, der sich aus den Punkten „sportliche Stärke, finanzielle Stärke und Strahlkraft und Fans“ zusammensetzt, möchte der Titan auch in Zukunft für Titel sorgen.
Stärke soll aus den Unterkategorien Kaderwert und Nachwuchs-Entwicklung generiert werden. Eigengewächse wie Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm haben in der Vergangenheit eine Ära in München geprägt – oder tun das wie im Fall von Thomas Müller immer noch. Kahn weiß, dass man sich durch eine erfolgreiche Nachwuchsabteilung auch den einen oder anderen kostspieligen Transfer sparen oder Einnahmen erzielen kann.
Was Kahn, Sportvorstand Hasan Salihamidzic und die Campus-Führung um Jochen Sauer und Holger Seitz verhindern wollen, sind Abgänge von Talenten zum Nulltarif. In der Vergangenheit war das unter anderem bei Angelo Stiller (20/TSG Hoffenheim) und Flavius Daniliuc (20/Nizza) der Fall. Besonders bitter: Bei Daniliuc stand der Rekordmeister vor einer Vertragsverlängerung, ihm wurde unter anderem die Teilnahme am Profi-Wintertrainingslager in Katar zugesichert. Doch der damalige Cheftrainer Hansi Flick strich den Verteidiger kurzerhand aus dem Aufgebot und nahm stattdessen den damals 16-jährigen Bright Arrey-Mbi mit, der zu diesem Zeitpunkt für die Profis noch keine Spielberechtigung hatte. Die Konsequenz: Daniliuc verließ Bayern. Ablösefrei. Damals hatte er einen Marktwert von 500 000 Euro –- mittlerweile liegt dieser bei sieben Millionen. Bei Stiller durchkreuzte Flick ebenfalls die Pläne der Führungsetage: Statt den gebürtigen Münchner an die Profi-Mannschaft heranzuführen, lockte er Tiago Dantas (21) per Leihe von Benfica Lissabon nach München. Daraufhin sagte Stiller ein Jahr später ebenfalls Servus.
Julian Nagelsmann soll aus Talenten gestandene Profis formen. Über das „unfassbare Talent“ von Paul Wanner (16) wusste er schon Bescheid, bevor das Corona-Chaos im Club seinen Lauf nahm. Gleichsam über Gabriel Vidovic (18), der nach einer Erkältung am Montag erstmals wieder an der Säbener Straße trainierte – und sich ebenfalls Hoffnungen auf Einsatzminuten bei den Profis machen darf. Das wäre dann ganz nach dem Geschmack von Oliver Kahn.